Die Anthony-Quinn-Bucht ist eine der bekanntesten kleinen Buchten der rhodischen Ostküste — und eine der am häufigsten missverstandenen. Auf Fotos wirkt sie wie eine türkise Badewanne zwischen roten Felsen; vor Ort ist sie eine schmale Felsbucht mit Kies, Badeplattformen und Metallleitern, in der man sich seinen Platz erarbeiten muss. Sie liegt rund vier Kilometer südlich von Faliraki, eingefasst von rotbraunen Felswänden und Pinien, mit Wasser, das schon nach wenigen Metern tief und glasklar wird. Zum Schnorcheln gibt es auf der Insel kaum eine bessere Adresse. Ein Handtuchplatz auf Sand-Kies und ein bequemerer Einstieg finden sich eine Bucht weiter in Ladiko; für Kleinkinder ist der Sandstrand von Faliraki die bessere Wahl. Das steht bewusst am Anfang, weil sonst ausgerechnet hier die Enttäuschung beginnt.
Felsbucht statt Sandstrand: der Charakter
Die Bucht ist klein. Die Küstenlinie misst nur etwa 250 Meter, und der schmale Uferstreifen verschwindet im Hochsommer fast vollständig unter Liegen und Badegästen. Der Untergrund ist Kies und Fels, nicht Sand: An den Rändern wurden Beton- und Holzplattformen über die Felsterrassen gelegt, von denen Metallleitern ins Wasser führen, für die meisten Gäste der übliche Einstieg. Südwestlich, durch einen Felsrücken getrennt, schließt die Ladiko-Bucht an. Beide teilen sich Zufahrt und Parkplatz und werden oft in einem Atemzug genannt, sind aber sehr unterschiedliche Strände. Steile, kiefernbewachsene Hänge rahmen das Ganze ein, eine der markantesten Kulissen der Ostküste und der Grund, warum die Bucht auf jedem zweiten Rhodos-Foto auftaucht.
Wasser & Einstieg
Das Wasser fällt küstennah rasch ab: Wenige Meter vom Ufer entfernt steht man nicht mehr, an den seitlichen Plattformen geht es direkt in mehrere Meter Tiefe. Das macht die Bucht für Schwimmer und Schnorchler attraktiv und für unsichere Schwimmer heikel; ein flaches Auslaufen zum Planschen gibt es nicht. Ins Wasser kommt man auf drei Arten: über die Metallleitern an den Badeplattformen, über die glatt geschliffenen Felsstufen an den Seiten oder über den kurzen Kiesstreifen in der Buchtmitte. Alle drei sind auf nassem Fels rutschig, Badeschuhe sind hier also keine Übervorsicht, sondern Standardausrüstung: Zwischen den Steinen sitzen Seeigel, und grober Kies ist barfuß unangenehm. Die Bucht liegt geschützt, das Wasser ist meist ruhig; bei auflandigem Wind kann die Dünung an den Felsplatten aber unangenehm werden, weil man beim Ausstieg gegen die Leiter gedrückt wird.
Schnorcheln: was man sieht und wo
Die Sicht ist außergewöhnlich — an ruhigen Vormittagen erkennt man den Grund noch in acht bis zehn Metern Tiefe. Entlang der beiden Felskanten links und rechts der Bucht wachsen Algenpolster und Seegrasflecken, dazwischen stehen Schwärme kleiner Riffbarsche, Meerbarben ziehen über die hellen Sandflächen, in den Spalten sitzen Schleimfische, Seesterne und mit etwas Glück ein Oktopus. Die lohnendsten Stellen liegen nicht in der Buchtmitte, sondern an den seitlichen Felsabbrüchen Richtung offenes Meer, wo Licht, Tiefe und Struktur wechseln. Dort wird es allerdings schnell tief, und der Bootsverkehr kommt näher; eine Signalboje oder wenigstens ein aufmerksamer Begleiter ist sinnvoll.
Maske und Schnorchel bringt man am besten selbst mit, vor Ort ist Ausrüstung nicht verlässlich zu bekommen und wenn, dann teuer. Weitere gute Buchten und Tipps zur Ausrüstung sammelt der Überblick Schnorcheln und Wassersport. Für Tauchgänge stellt der Ratgeber Tauchen auf Rhodos Basen, Reviere und Preise vor; Schnuppertauchgänge starten inselweit bei etwa 70 Euro (Stand September 2026).
Liegen, Preise & Ausstattung
Die Bucht ist halb organisiert, nicht durchkommerzialisiert. Auf den Plattformen und Felsterrassen liegen Sonnenliegen mit Schirmen, oben an der Zufahrt gibt es eine kleine Kantine beziehungsweise Strandbar mit Kaffee, kalten Getränken, Sandwiches und Eis sowie öffentliche Toiletten. Einen großen Tourismusapparat sucht man vergeblich, und das macht einen Teil des Reizes aus. Für ein Set aus zwei Liegen und einem Schirm werden rund 30 Euro pro Tag aufgerufen (Stand September 2026). Einzelne Berichte nennen deutlich weniger, verlässlich ist der Preis also nicht, und kassiert wird meist bar. Zum Vergleich: Am organisierten Strand von Faliraki liegt die Spanne bei 15 bis 30 Euro.
Die Plattformplätze sind im Hochsommer oft schon am Vormittag vergeben; als Ausweichlösung bleibt ein Handtuch auf einer freien Felsstufe. Natürlichen Schatten spenden nur die Pinien an den Rändern, und der wandert im Tagesverlauf weg. Im Juli und August braucht man deshalb einen Schirm oder einen frühen Platz unter den Bäumen. Die Blaue Flagge führt die Bucht übrigens nicht: 2026 sind auf Rhodos 28 Abschnitte ausgezeichnet, überwiegend bewirtschaftete Hotelabschnitte, und eine unbewachte Naturbucht gehört als solche nicht dazu. Das ist kein Qualitätsurteil über das Wasser, sondern eine Frage von Bewachung und Infrastruktur.
Anfahrt, Parken & Bus
Die Bucht liegt rund 18 Kilometer Fahrstrecke südlich von Rhodos-Stadt (viele Reiseführer nennen 16 Kilometer und meinen dann die Luftlinie oder den Stadtrand) und etwa vier Kilometer von Faliraki. Am einfachsten kommt man mit dem Mietwagen: Auf der Küstenstraße Richtung Lindos zweigt man hinter Faliraki den Schildern nach Ladiko folgend ab, danach führt eine enge, teils steile Stichstraße hinunter.
Oben liegt ein kostenloser Schotterparkplatz mit Platz für rund 50 Autos (Stand September 2026). Er bedient beide Buchten: Vom selben Platz führt ein Weg hinunter zur Anthony-Quinn-Bucht, ein anderer nach Ladiko. Beim ersten Besuch verwechselt man die beiden Abgänge leicht und steht dann am falschen Wasser. Im Juli und August ist der Parkplatz ab etwa 9.30 Uhr belegt; danach stellen sich die Autos entlang der schmalen Straße auf, was Ein- und Ausparken mühsam macht. Der Weg hinunter ans Wasser ist kurz, aber steil und uneben, mit Kinderwagen oder eingeschränkter Mobilität nicht zu bewältigen.
Ohne eigenes Fahrzeug hilft im Sommer die KTEL-Strandlinie Rhodos-Stadt–Ladiko/Anthony Quinn: ab Rhodos um 10:30, 11:00, 13:30, 15:00 und 17:00 Uhr, zurück um 9:20, 14:30, 15:45 und 17:45 Uhr, einfache Fahrt 2,50 Euro (Sommerfahrplan 2026); ab Faliraki kostet die Strecke nach Ladiko 2,20 Euro (Stand Oktober 2026). Die durchgehenden Lindos-Busse fahren die Stichstraße nicht hinunter, sondern halten oben an der Abzweigung; von dort geht es zu Fuß bergab und auf dem Rückweg wieder hinauf. Ab Mitte September wird ausgedünnt, im Winter (zuletzt Anfang November bis Mitte April) fahren deutlich weniger Kurse, und die Strandlinie entfällt. Aktuelle Fahrpläne gibt es am Busbahnhof und auf der KTEL-Website; Linien, Preise und Ticketkauf erklärt der Ratgeber Busse auf Rhodos.
Andrang & beste Tageszeit
Wegen ihrer geringen Größe gilt für die Anthony-Quinn-Bucht noch stärker als für andere Strände der Insel: Im Juli und August ist sie ab dem späten Vormittag voll, im Wasser, auf den Plattformen und auf dem Parkplatz. Den Takt gibt dabei der Bootsverkehr vor. Zwischen etwa 11 und 15 Uhr steuern mehrere Ausflugsboote ab Rhodos-Stadt und Faliraki die Bucht an, ankern vor der Einfahrt und setzen ihre Gäste zum Schwimmen aus. In dieser Zeit ist das Wasser unruhig, und Schnorcheln an den seitlichen Felskanten macht wenig Freude.
Früher Vormittag und später Nachmittag sind deshalb nicht nur ruhiger, sondern auch die besseren Badezeiten. Über das Jahr betrachtet sind Mai, Juni und September die angenehmsten Monate: Wasser warm genug, Andrang überschaubar, Parkplatz meist verfügbar. Im Oktober schließen Kantine und Liegenverleih nach und nach, gegen Ende des Monats stellen auch die Ausflugsboote den Betrieb ein. Die Bucht selbst bleibt frei zugänglich, und an einem windstillen Herbsttag hat man sie fast für sich; das Wasser hat im Oktober noch 22 bis 24 Grad.
Schnorchler ja, Kleinkinder nein
Ja, unbedingt: Schnorchler, sichere Schwimmer, Fotografen und alle, die eine Bucht wegen ihrer Kulisse und nicht wegen ihrer Infrastruktur ansteuern. Auch als Halbtagesstopp auf einer Ostküsten-Runde funktioniert sie fast immer.
Eher nicht: Familien mit Kleinkindern, denn es gibt keinen flachen Einstieg, keinen Rettungsschwimmer und einen steilen Zuweg; passendere Ziele sammelt der Ratgeber Rhodos mit Kindern. Ebenso wenig geeignet ist die Bucht für einen ganzen Tag im Sand, für Menschen mit eingeschränkter Mobilität und für Gäste, die auf Strandservice, Schatten und kurze Wege angewiesen sind. Für das Foto allein genügt ein früher Blick vom Hangweg hinunter.
Kombinieren: Ladiko, Faliraki, Kallithea
Gleich südwestlich liegt die Ladiko-Bucht, mit mehr Strand aus Sand-Kies-Mischung, sanfterem Einstieg und zwei Lokalen. Weil beide über denselben Parkplatz erreichbar sind, ist der Wechsel eine Sache von fünf Minuten: schnorcheln in der Anthony-Quinn-Bucht, essen und dösen in Ladiko. Findet man hier keinen Platz mehr, ist der Tag also nicht verloren.
Nach Norden Richtung Rhodos-Stadt folgt die Kallithea-Bucht mit ihren italienischen Thermalbauten: ebenfalls felsig, ebenfalls ein guter Schnorchelplatz, aber mit Eintritt und deutlich mehr Architektur. Nach Süden führt die Küstenstraße zum langen Kiesstrand von Afandou mit den Felsformationen und Höhlen bei Traganou, die sich ebenfalls zum Schnorcheln eignen. Für Verpflegung, Einkäufe und Nachtleben ist Faliraki wenige Minuten entfernt; dort liegt auch der breite, voll organisierte Strand von Faliraki für alle, die einen klassischen Sandstrand vorziehen. Welcher Ort sich als Standquartier für diese Ecke der Ostküste eignet, vergleicht Wo übernachten auf Rhodos; am flexibelsten verbindet man die Buchten mit dem Mietwagen.
Die Anthony-Quinn-Geschichte
Ursprünglich hieß die Bucht Vagies. Ihren heutigen Namen verdankt sie dem Schauspieler Anthony Quinn (1915–2001), der zu Beginn der 1960er-Jahre für die Dreharbeiten zu „Die Kanonen von Navarone“ nach Rhodos kam. Der Kriegsfilm, in dem Quinn neben Gregory Peck und David Niven spielte, wurde 1960 zu großen Teilen auf der Insel gedreht und kam 1961 in die Kinos. Die Altstadt von Rhodos diente als Kulisse, die zerklüftete Ostküste lieferte die Felsszenerien.
Quinn verliebte sich in die Landschaft, und 1961 sollte er Berichten zufolge ein rund 117 Stremmata großes Areal (etwa 11,7 Hektar) im Gebiet Ladiko erhalten. Sein Plan war ein internationales Zentrum für Künstler und Filmschaffende. Gebaut wurde es nie. Stattdessen begann ein Rechtsstreit, der die Familie über Jahrzehnte beschäftigte und bis heute nachwirkt. Die Episode ist zugleich ein Stück Tourismusgeschichte: Es war die Zeit, in der Filmteams, die ersten Charterflüge und die großen Hotelprojekte Rhodos international bekannt machten — nachzulesen im Kapitel Moderne und Tourismus.
Gut zu wissen
Es gibt an der Bucht keinen Rettungsschwimmer; das Wasser ist meist ruhig, aber tief, und der felsige Einstieg verlangt Trittsicherheit. Sprünge von den Felsen sieht man häufig, die Wassertiefe wechselt jedoch von Stelle zu Stelle; ohne Ortskenntnis verzichtet man besser darauf. Flossen und eine Signalboje sind sinnvoll, sobald man die seitlichen Felskanten abschnorchelt, weil Boote nah an die Einfahrt heranfahren. Schatten unter den Pinien ist begrenzt und nicht reservierbar, Trinkwasser gibt es nur an der Kantine oben, und die schließt in der Nachsaison. Müll nimmt man wieder mit, die kleine, geschützte Bucht ist empfindlich. Die allgemeinen Regeln zu Liegen, Freiflächen und Naturschutz an den Stränden der Insel stehen in unseren Strandregeln. Eine Unterwasserkamera gehört ruhig mit ins Gepäck: Das Licht hier ist es wert.






