
Geschichte von Rhodos
Drei Jahrtausende auf einer Insel: Antike, Johanniter, Osmanen, Italiener — und wie all das die Insel bis heute prägt.
Von den drei dorischen Stadtstaaten bis zur Ferieninsel: Auf Rhodos liegen fünf große Epochen so dicht übereinander, dass sich mehrere davon an einem einzigen Tag besichtigen lassen. Dieser Bereich erzählt sie der Reihe nach und nennt bei jeder, was heute noch von ihr zu sehen ist.
Alle 5 Artikel zur Geschichte

Rhodos in der Antike
Drei dorische Stadtstaaten, eine planmäßig gegründete Hauptstadt, ein gestürztes Weltwunder und eine der klügsten Seemächte der Ägäis. Wie Rhodos in der griechischen Antike groß wurde und was davon heute noch zu sehen ist.

Die Johanniterzeit: Wie ein Ritterorden Rhodos zur Festung machte
Gut zwei Jahrhunderte lang war Rhodos der souveräne Ordensstaat der Johanniter und ein christlicher Vorposten in der Ostägäis. Wie der Orden zwischen 1306 und 1309 die Insel übernahm, sie zur stärksten Festung der Region ausbaute, 1444 und 1480 zwei Belagerungen überstand und am 22. Dezember 1522 doch kapitulierte, und was davon heute auf Rhodos konkret zu sehen ist.

Die osmanische Zeit: 390 Jahre, die das Innere der Altstadt geformt haben
Zwischen der Kapitulation der Johanniter am 22. Dezember 1522 und der italienischen Landung im Mai 1912 liegen fast 390 Jahre osmanischer Herrschaft, die am wenigsten bekannte und am stärksten unterschätzte Epoche von Rhodos. Moscheen, Hamams, Brunnen, Stiftungen und das jüdische Viertel stammen aus dieser Zeit.

Die italienische Zeit: Wie Rhodos sein heutiges Gesicht bekam
Von 1912 bis 1943 stand Rhodos unter italienischer Herrschaft. In gut drei Jahrzehnten wurde das sichtbare Gesicht der Stadt stärker verändert als in den vier Jahrhunderten davor, durch eine Kolonialmacht, deren Erbe bis heute prägend und zugleich schwierig ist.

Moderne und Tourismus: Rhodos seit 1948
Am 7. März 1948 wurde Rhodos griechisch — nach Jahrhunderten unter Johannitern, Osmanen und Italienern. Was folgte, ist die jüngste und am wenigsten erzählte Epoche der Insel: Nachkriegsarmut, Auswanderung, der Aufstieg zu einer der ersten Charter-Destinationen Griechenlands und die Frage, was der Erfolg kostet. Diese Geschichte reicht bis heute.
Die Insel in fünf Epochen
Die Geschichte von Rhodos lässt sich in fünf großen Abschnitten erzählen, und jeder von ihnen hat eine eigene Bauschicht hinterlassen. Am Anfang steht die Antike mit drei dorischen Stadtstaaten, der Gründung der Stadt Rhodos und dem Koloss. Auf sie folgen gut neun Jahrhunderte byzantinischer Herrschaft (395–1309), aus denen vor allem Kirchen und Fresken erhalten sind; ein eigenes Kapitel hat diese Zeit hier nicht, sie begegnet einem aber in vielen Dorfkirchen und auf dem Filerimos. Es folgt die Johanniterzeit, in der ein Ritterorden gut zwei Jahrhunderte lang als Landesherr regierte und die Altstadt zur Festung machte. Danach kam die osmanische Zeit von 1522 bis 1912, fast 390 Jahre. Die italienische Zeit war mit gut drei Jahrzehnten die kürzeste und veränderte das sichtbare Stadtbild trotzdem stärker als alles davor. Nach dem Seitenwechsel Italiens besetzte die Wehrmacht im September 1943 die Insel; bis zur Kapitulation im Mai 1945 folgten Hunger, Bombardierungen und im Juli 1944 die Deportation der jüdischen Gemeinde nach Auschwitz. Seit 1947/48 gehört Rhodos zu Griechenland; wie daraus eine der ersten Charter-Destinationen des Mittelmeers wurde, erzählt der Beitrag zu Moderne und Tourismus.
Antike: drei Städte, eine Seemacht
In historischer Zeit war Rhodos von Dorern besiedelt, die drei eigenständige Stadtstaaten gründeten: Lindos an der Ostküste, Ialysos im Norden und Kamiros an der Westküste. 408 v. Chr. schlossen sich die drei zu einem gemeinsamen Staat zusammen (Synoikismos) und legten an der Nordspitze eine neue Hauptstadt im rechtwinkligen Raster an: die Stadt Rhodos, binnen weniger Jahrzehnte eine Handels- und Seemacht. 305/304 v. Chr. hielt sie ein Jahr lang der Belagerung durch Demetrios Poliorketes stand; aus dem Verkauf seines zurückgelassenen Belagerungsgeräts finanzierten die Rhodier den Koloss von Rhodos, errichtet etwa 292 bis 280 v. Chr. und schon um 226 v. Chr. bei einem Erdbeben gestürzt. Das Ende der Eigenständigkeit kam 42 v. Chr., als der Caesarmörder Cassius die Stadt plünderte. Kamiros wurde nach einem weiteren Beben 142 n. Chr. endgültig aufgegeben.
Heute zu sehen: die Akropolis von Lindos, die Akropolis auf dem Monte Smith, das antike Kamiros und das Archäologische Museum, das die Funde aller drei Städte bündelt.
Johanniterzeit: der Orden als Staat (1309–1522)
Nach dem Verlust der Levante suchte der Johanniterorden ein eigenes Herrschaftsgebiet. Ab 1306 landeten seine Truppen auf Rhodos, im August 1309 fiel die Stadt, und der Konvent verlegte seinen Sitz auf die Insel. Was folgte, war ein Sonderfall der europäischen Geschichte: ein Ritterorden als souveräner Landesherr, mit eigener Münze, eigener Flotte und Gesandten an den Höfen Europas. Der Orden gliederte sich in acht Zungen (bis 1462 sieben), also Sprachlandsmannschaften, die je eine Herberge an der Ritterstraße unterhielten und im Verteidigungsfall einen festen Mauerabschnitt hielten. Zwei große Belagerungen überstand die Festung: 1444 durch die Mamluken, 1480 durch Mehmed II. Die dritte nicht: Nach einem halben Jahr kapitulierte Großmeister Philippe Villiers de l'Isle-Adam am 22. Dezember 1522 vor Süleyman I., Anfang Januar 1523 zogen die letzten Ritter ab.
Heute zu sehen: die Altstadt von Rhodos mit ihrem rund vier Kilometer langen Mauerring, der Großmeisterpalast, das Große Hospital, in dem heute das Archäologische Museum untergebracht ist, sowie die Landburgen von Monolithos und Kritinia.
Osmanische Zeit: fast 390 Jahre (1522–1912)
Weil die Stadt nicht erstürmt, sondern übergeben wurde, blieb die Ritterstadt weitgehend stehen. Die Osmanen bauten sie um statt neu: Kirchen wurden zu Moscheen, Höfe überdacht, hölzerne Erker schoben sich über die Gassen. Dazu kamen Hamams, Bibliotheken und ein dichtes Netz öffentlicher Brunnen, fast alles getragen von frommen Stiftungen, den Vakıf. Innerhalb der Mauern lebten fortan muslimische Familien und die jüdische Gemeinde in ihrem Viertel im Südosten; die griechisch-orthodoxen Christen siedelten in Vorstädten vor den Toren, aus denen die heutige Neustadt von Rhodos-Stadt wuchs. Beendet wurde die Epoche nicht durch einen Aufstand, sondern von außen: Am 4. Mai 1912 landeten italienische Truppen in der Kallithea-Bucht. Nach einem kurzen Gefecht bei Psinthos am 15. Mai kapitulierte die osmanische Garnison am 16./17. Mai, knapp zwei Wochen nach der Landung.
Heute zu sehen: die Süleymaniye-Moschee (seit Jahren geschlossen und nur zu besonderen Anlässen geöffnet), das Große Hamam, das schon 1558 urkundlich erwähnt ist und derzeit keinen verlässlichen Badebetrieb hat, die Hafız-Ahmed-Agha-Bibliothek von 1793 und der Uhrturm über der Altstadt. Vieles davon lässt sich nur von außen besichtigen.
Italienische Zeit: Bauboom und Italianisierung (1912–1943)
Italien besetzte den Dodekanes zunächst als Faustpfand; erst der Vertrag von Lausanne machte die Inseln 1923 rechtlich italienisch. Unter Gouverneur Mario Lago (1923–1936) entstand vor der Altstadt eine komplette Neustadt mit Boulevards, Verwaltungspalästen und Markthalle. Sein Nachfolger Cesare Maria De Vecchi (1936–1940) setzte auf harte Italianisierung: Italienisch als alleinige Amtssprache, ernannte Bürgermeister statt gewählter, Druck auf die orthodoxe Kirche und ab 1938 die Rassengesetze gegen die jüdische Gemeinde. Beides gehört zusammen: Die Epoche hat der Insel ihr heutiges Gesicht gegeben und zugleich die Rechte ihrer Bewohner beschnitten. Und vieles, was heute als antik oder mittelalterlich fotografiert wird, bekam damals erst seine sichtbare Gestalt.
Heute zu sehen: der 1937 bis 1940 wiederaufgebaute Großmeisterpalast, die Thermenanlage an der Kallithea-Bucht von 1929, der Sprungturm am Elli Beach, die wieder aufgerichteten Säulen des Apollon-Tempels auf dem Monte Smith (Anastylose 1937/38) und Mustersiedlungen wie San Benedetto, das heutige Kolymbia, gegründet 1935.
Moderne: griechisch seit 1947/48
Nach der Kapitulation der deutschen Besatzungstruppen im Mai 1945 stand der Dodekanes zwei Jahre unter britischer Militärverwaltung. Der Pariser Friedensvertrag vom 10. Februar 1947 sprach die Inseln Griechenland zu; am 31. März 1947 übernahm eine griechische Verwaltung, und am 7. März 1948 wurde Rhodos förmlich Teil des griechischen Staates, als letzte große Gebietserweiterung des modernen Griechenlands. Ab den 1960er- und vor allem den 1970er-Jahren machten Charterflüge und Hotelbau aus der armen Grenzinsel eines der wichtigsten Urlaubsziele des Mittelmeers. 1988 nahm die UNESCO die mittelalterliche Stadt in die Welterbeliste auf. Wie verletzlich das Modell ist, zeigte der Juli 2023, als Waldbrände im Südosten die größte Evakuierung wegen eines Feuers in der griechischen Geschichte auslösten. Was das praktisch für Reisende bedeutet, steht im Beitrag Wie sicher ist Rhodos?.
Wie man die Schichten liest
Der eigentliche Reiz der Insel liegt darin, dass diese Epochen sich nicht gegenseitig ausgelöscht haben. In der Altstadt von Rhodos liegen antike Straßenfluchten, byzantinische Fundamente, ritterzeitliche Mauern, osmanische Wohnhäuser und italienische Rekonstruktionen unmittelbar übereinander. Ein paar Faustregeln helfen beim Auseinanderhalten:
- Ritterzeit: geradlinige Steinfassaden, Spitzbögen, Sturzbalken, Wappensteine über den Portalen.
- Osmanisch: Kuppel und Minarett, Brunnen mit kalligrafischer Inschrifttafel, hölzerne Erker über der Gasse, verwinkelte Innenhöfe.
- Italienisch: auffällig gleichmäßiges Mauerwerk und frische Verfugungen, symmetrische Rekonstruktionen, Arkaden und Kolonnaden in der Neustadt.
- Antik: aufrechte Säulen sind fast immer wieder aufgerichtet; unrestauriert sieht Antike aus wie das Grabungsfeld von Kamiros: Fundamente, Schwellen, Kanäle.
Dasselbe Prinzip gilt außerhalb der Stadt: Auf der Akropolis von Lindos steht ein antiker Tempel in einer Johanniterfestung, und auf dem Filerimos über Ialyssos liegen dorischer Tempel, byzantinische Kirche und ritterzeitliche Kapelle auf einem einzigen Hügel.
Häufige Fragen
- Wem gehörte Rhodos im Lauf der Geschichte?
- Nach der dorischen Besiedlung war Rhodos ab 408 v. Chr. ein eigenständiger Stadtstaat, seit 42 v. Chr. faktisch römisch und ab 395 n. Chr. byzantinisch. Von 1309 bis 1522 regierte der Johanniterorden, von 1522 bis 1912 das Osmanische Reich, von 1912 bis 1943 Italien. Nach deutscher Besatzung (1943–1945) und britischer Militärverwaltung kam die Insel 1947/48 zu Griechenland.
- Seit wann ist Rhodos griechisch?
- Rechtlich seit dem Pariser Friedensvertrag vom 10. Februar 1947, der den Dodekanes Griechenland zusprach. Am 31. März 1947 übernahm eine griechische Verwaltung, die förmliche Eingliederung in den griechischen Staat folgte am 7. März 1948. Der 7. März ist auf den Inseln bis heute Gedenk- und Feiertag.
- Wo stand der Koloss von Rhodos?
- Das ist unbekannt. Von der Statue ist nichts erhalten — kein Sockel, kein gesichertes Fundament. Traditionell vermutet man sie am Hafen, eine einflussreiche Gegenthese verlegt sie auf die Anhöhe der antiken Akropolis über der Stadt. Sicher falsch ist das populäre Bild der gespreizten Beine über der Hafeneinfahrt: Es ist eine Erfindung des Mittelalters und der Renaissance, keine antike Quelle kennt es.
- Was ist von den Johannitern übrig?
- Sehr viel, weil die Stadt 1522 nicht erstürmt, sondern übergeben wurde. Erhalten sind der rund vier Kilometer lange Mauerring der Altstadt mit Graben, Toren und Bastionen, der Grundriss samt Ritterstraße, das Große Hospital mit dem heutigen Archäologischen Museum und die Landburgen von Monolithos, Kritinia, Feraklos und Lindos. Der Großmeisterpalast dagegen ist ein Wiederaufbau der Jahre 1937 bis 1940.
- Warum sieht die Altstadt teilweise italienisch aus?
- Weil Italien die Insel von 1912 bis 1943 beherrschte und in der Altstadt eine der größten Restaurierungskampagnen seiner Zeit betrieb. Osmanische Anbauten wurden abgeräumt, Fassaden vereinheitlicht, die Ritterstraße auf ein einheitliches gotisches Bild gebracht und der Großmeisterpalast neu errichtet. Was heute mittelalterlich wirkt, hat seine sichtbare Gestalt oft erst in den 1930er-Jahren bekommen.