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Geschichte

Moderne und Tourismus: Rhodos seit 1948

Am 7. März 1948 wurde Rhodos griechisch — nach Jahrhunderten unter Johannitern, Osmanen und Italienern. Was folgte, ist die jüngste und am wenigsten erzählte Epoche der Insel: Nachkriegsarmut, Auswanderung, der Aufstieg zu einer der ersten Charter-Destinationen Griechenlands — und die Frage, was der Erfolg kostet. Diese Geschichte reicht bis in den Sommer 2026.

17 Min. LesezeitZuletzt aktualisiert: 4. September 2026

Die Geschichte von Rhodos wird meist in den großen alten Epochen erzählt — der Antike mit dem Koloss, der Johanniterzeit mit der Ritterstadt, der osmanischen Zeit und der italienischen Zeit, die der Stadt ihr heutiges Gesicht gab. Die fünfte Epoche kommt in Reiseführern selten vor, dabei ist sie diejenige, die jeder Besucher mit eigenen Augen sieht: die Zeit seit 1948, in der aus einer verarmten, kriegsgezeichneten Grenzinsel eines der wichtigsten Urlaubsziele des Mittelmeers wurde.

Es ist eine Geschichte mit ungewöhnlicher Dramaturgie: ein später Anschluss an das Mutterland, eine Auswanderungswelle, dann ein Aufstieg, der schneller und steiler verlief als fast überall sonst in Griechenland — und der die Insel bis heute trägt und zugleich an ihre Grenzen bringt. Wer die Rhodos-Geschichte des Tourismus kennt, versteht sehr viel besser, warum die Insel heute so aussieht, wie sie aussieht: warum die Hotels im Norden stehen und nicht im Süden, warum halbe Bergdörfer leer sind, warum im Sommer über den Wasserverbrauch gestritten wird und warum auf der Hotelrechnung seit ein paar Jahren eine Klimaabgabe steht.

Dieser Beitrag erzählt die fünfte Epoche der Reihe nach — von der Angliederung an Griechenland bis zum Sommer 2026 — und schließt mit dem, was Reisende davon tatsächlich merken.

1947/48: Rhodos wird griechisch

Als der letzte deutsche Befehlshaber des Dodekanes am 8. Mai 1945 kapitulierte, war die italienische Kolonialzeit faktisch längst vorbei — rechtlich aber nicht. Die Inseln kamen zunächst unter britische Militärverwaltung, ein Provisorium von knapp zwei Jahren, in dem die Zukunft des Archipels zwischen den Siegermächten verhandelt wurde. Die Entscheidung fiel im Pariser Friedensvertrag mit Italien, unterzeichnet am 10. Februar 1947: Artikel 14 übertrug den Dodekanes an Griechenland, verbunden mit der Auflage, die Inseln entmilitarisiert zu halten.

Am 31. März 1947 wurde vor der Kommandantur in Rhodos die britische Flagge eingeholt und die griechische gehisst; Brigadier A. S. Parker übergab die Verwaltung an Konteradmiral Periklis Ioannidis. Es folgte ein Jahr griechischer Militärverwaltung, in dem Behörden, Justiz und Schulwesen umgestellt wurden — die Insel wechselte innerhalb weniger Jahre von italienischem auf griechisches Recht, von der Lira auf die Drachme und vom Italienischen aufs Griechische als Amtssprache. Die feierliche, formelle Eingliederung in den griechischen Staat folgte am 7. März 1948: die Enosis, die Vereinigung, auf die die griechische Bevölkerung der Inseln seit Generationen gehofft hatte. Es war die letzte große Gebietserweiterung des modernen Griechenlands; 1955 wurde der Dodekanes Präfektur mit Rhodos als Hauptstadt. Der 7. März ist auf den Inseln bis heute Feier- und Gedenktag.

Rhodos übernahm dabei ein doppeltes Erbe. Die osmanische Zeit hatte die Altstadt mit Moscheen, Hamams und einem türkischsprachigen Bevölkerungsteil geprägt, der zum Teil blieb; die italienische Zeit hatte Straßen, Häfen, Verwaltungspaläste, Hotels und eine ganze Neustadt hinterlassen. Beides war 1948 politisch belastet und wurde erst Jahrzehnte später als Teil der Inselgeschichte akzeptiert — die italienischen Bauten galten lange als Fremdkörper, heute stehen sie unter Denkmalschutz und füllen die Fotoalben der Gäste.

Die mageren Jahrzehnte

Die Euphorie des Anschlusses traf auf eine bittere Realität. Rhodos war 1948 eine arme Insel in einem armen, vom Bürgerkrieg zerrissenen Land: Die Kriegsjahre hatten Handel und Landwirtschaft ruiniert, die jüdische Gemeinde war deportiert und fast vollständig ermordet worden, viele Italiener hatten die Insel verlassen, und die neuen griechischen Strukturen mussten erst aufgebaut werden. Wie überall im Nachkriegsgriechenland war die Antwort vieler Familien die Auswanderung: nach Athen, nach Australien — wo rhodische Gemeinden bis heute bestehen —, in die USA, nach Kanada und ins südliche Afrika. Ganze Dörfer im Inselinneren verloren in diesen Jahrzehnten einen Großteil ihrer Jugend; manche haben sich davon nie erholt und sind heute halb verlassen.

Gelebt wurde von der Landwirtschaft, und die war karg: Oliven, Wein an den Hängen um Embonas, Feigen, Zitrusfrüchte in den Küstenebenen, Ziegen und Schafe im trockenen Süden, dazu Küstenfischerei und ein wenig Schwammtaucherei in der Tradition der Nachbarinseln. Bewässerung gab es kaum, Strom in vielen Bergdörfern erst in den 1950er- und 1960er-Jahren, asphaltierte Straßen abseits der italienischen Hauptrouten noch später. Der Süden um Kattavia und Apolakkia war von der Inselhauptstadt aus eine Tagesreise entfernt.

Dass die Insel diesen Aderlass schneller überwand als andere Regionen Griechenlands, lag an einem Erbe, das man damals kaum als Glücksfall erkannte: Die Italiener hatten Straßen, Verwaltungsbauten, Hotels wie das Grande Albergo delle Rose und die Thermenanlage von Kallithea hinterlassen — eine touristische Grundausstattung, über die in den 1950er-Jahren kaum eine andere griechische Insel verfügte. Rhodos musste den Tourismus nicht erfinden; es musste ihn nur wieder in Gang setzen.

Wie der Tourismus begann

Der griechische Staat erkannte das Potenzial früh. Schon in den 1950er-Jahren floss staatliche Förderung in Hotels und Infrastruktur, und Rhodos wurde — neben Korfu und Athen — zu einem der ersten Ziele des organisierten Auslandstourismus in Griechenland. Den Durchbruch brachten die Charterflüge: Ab den späten 1950er- und vor allem den 1960er-Jahren flogen Veranstalter aus Skandinavien, Deutschland und Großbritannien ihre Gäste direkt auf die Insel — Sonne ohne Umsteigen, zwei Wochen zum Pauschalpreis. Skandinavier prägten die frühen Jahre so stark, dass sich ihre Spuren bis heute in Speisekarten und Ortsnamen-Anekdoten der Neustadt halten.

Für die Inselbevölkerung bedeutete das eine stille Revolution: Söhne und Töchter, die sonst ausgewandert wären, fanden Arbeit in Hotels, Tavernen und bei Vermietern; Bauern verkauften Land in Strandnähe, dessen Wert sich vervielfachte; aus Fischern wurden Bootsausflugs-Kapitäne. Innerhalb einer Generation drehte sich die Wanderungsrichtung um — statt der Abwanderung kam nun saisonale Zuwanderung vom Festland.

Der Kino-Effekt: „Die Kanonen von Navarone“ und Anthony Quinn

Werbung im heutigen Sinn machte die Insel damals nicht — sie bekam sie geschenkt. 1961 kam „Die Kanonen von Navarone“ in die Kinos, ein Kriegsfilm mit Gregory Peck, David Niven und Anthony Quinn, der in großen Teilen auf Rhodos gedreht worden war: Die Altstadt lieferte die Kulisse, die zerklüftete Ostküste die Felsszenerien. Millionen Zuschauer sahen zum ersten Mal, wie diese Insel aussieht. Es war der erste massenwirksame Werbeeffekt der rhodischen Tourismusgeschichte, Jahre bevor der erste Reisekatalog ein Foto davon druckte.

Quinn blieb hängen. Noch im selben Jahr, 1961, überließ ihm der griechische Staat Berichten zufolge rund 117 Stremmata — etwa 11,7 Hektar — im Gebiet Ladiko für einen symbolischen Betrag; geplant war ein internationales Zentrum für Künstler und Filmschaffende. Gebaut wurde es nie. Rhodos lag in einer grenznahen Sicherheitszone, in der ausländischer Grundbesitz genehmigungspflichtig war; Gerichte erklärten den Erwerb später für nichtig, der Staat ordnete die Fläche als Küstenzone dem Gemeingebrauch zu, und nach Quinns Tod 2001 stritten seine Erben weiter. Ein öffentlich dokumentierter Schlusspunkt des Verfahrens ist nicht bekannt (Stand September 2026). Geblieben ist der Name: Die Bucht, die früher Vagies hieß, heißt heute Anthony-Quinn-Bucht — der einzige Ort der Insel, dessen Toponym direkt aus der Tourismusgeschichte stammt.

Der Boom und seine Bauten

Die 1970er- und 1980er-Jahre machten aus dem Wachstum einen Boom. Mit dem Ausbau des Flughafens bei Paradisi Ende der 1970er-Jahre stiegen die Kapazitäten sprunghaft, und entlang der Küsten rund um Rhodos-Stadt entstanden die Hotelzonen, die das Inselbild bis heute prägen: Ixia und die Trianda-Bucht im Nordwesten mit ihren großen Häusern der gehobenen Kategorie, die Zone Richtung Kallithea — und vor allem Faliraki. Das Dorf, bis in die 1970er-Jahre ein Fischerort mit ein paar Häusern am langen Sandstrand, wurde innerhalb von zwei Jahrzehnten zum größten Badeort der Insel, in den 1990er-Jahren mit zweifelhaftem Party-Weltruf, von dem es sich seither bewusst wegentwickelt hat.

Der Boom hatte System: Pauschalreise und Bettenburg waren die Logik der Zeit, gebaut wurde schnell und dicht, Raumplanung kam meist erst nach dem Beton. Der Norden der Insel — das Dreieck aus Rhodos-Stadt, Ixia und Faliraki — trägt bis heute den Großteil der Betten, während der Süden lange weitgehend unberührt blieb. Diese Zweiteilung ist die vielleicht wichtigste Hinterlassenschaft der Boom-Jahrzehnte: Sie ist der Grund, warum man auf derselben Insel Hotelmeile und einsame Küste haben kann.

In den 1990er- und 2000er-Jahren wanderte der Bau dann doch nach Süden. An der Ostküste entstanden neue Resortzonen bei Kolymbia, Lardos, Pefkos und schließlich bei Kiotari, das um 1990 noch kaum mehr als ein Strandabschnitt mit Feldern dahinter war und binnen zwei Jahrzehnten zu einer Kette großer All-inclusive-Häuser wurde. Das erklärt, warum ausgerechnet dieser junge Ferienabschnitt 2023 im Zentrum der Brandmeldungen stand: Hotels standen dort, wo bis vor Kurzem Macchia und Olivenhaine waren. Welcher Ort für welchen Urlaubstyp taugt, sortiert der Ratgeber Wo übernachten auf Rhodos.

1988: Die Altstadt wird Welterbe

Mitten im Boom setzte die UNESCO 1988 ein Gegengewicht: Die mittelalterliche Stadt von Rhodos wurde in die Welterbeliste aufgenommen — als eines der am besten erhaltenen gotischen Stadtensembles überhaupt, mitsamt der osmanischen und der umstrittenen italienischen Schicht. Für die Insel war das mehr als eine Plakette: Die Auszeichnung verschob den Blick auf die Altstadt vom Kulissen-Fotomotiv zum schützenswerten Lebensraum, brachte Auflagen für Sanierung und Nutzung — und machte den Kulturtourismus zum zweiten Standbein neben dem Strand. Dass in der Altstadt bis heute Menschen wohnen, arbeiten und zur Schule gehen, unterscheidet Rhodos von vielen musealen Welterbe-Städten; wie lange das dem Druck aus Souvenirhandel und Kurzzeitvermietung standhält, ist eine der offenen Fragen der Gegenwart.

Was der Tourismus verändert hat

Die Wirtschaft. Rhodos ist heute eine Monokultur, und das ist keine Wertung, sondern eine Beschreibung: Tourismus und die daran hängenden Branchen — Gastronomie, Bau, Handel, Transport, Vermietung — tragen die Insel. Griechenlandweit steht der Tourismus für gut ein Fünftel der Wirtschaftsleistung, auf Rhodos liegt der Anteil erkennbar höher; Fachleute schätzen ihn auf die Größenordnung von der Hälfte bis zu drei Vierteln der lokalen Wertschöpfung, je nachdem, wie weit man die Zulieferketten fasst. Eine belastbare amtliche Einzelzahl für die Insel gibt es nicht, und wer eine nennt, rechnet meist großzügig. Sicher ist die Richtung: Fällt eine Saison aus, wie im Pandemiejahr 2020, steht die Insel still.

Die Dörfer. Die zweite große Veränderung ist eine Bewegung im Inneren. Wer im Bergdorf blieb, arbeitete bald unten an der Küste — erst saisonal, dann dauerhaft. Orte wie Theologos, Archangelos oder Afandou wuchsen mit ihren Stränden, während höher gelegene Dörfer wie Salakos, Monolithos oder Asklipio Einwohner verloren. Diese Landflucht ist bis heute nicht gestoppt: Der Zensus 2021 zählte auf der ganzen Insel 125.113 Einwohner, davon 56.440 allein in Rhodos-Stadt — knapp die Hälfte der Inselbevölkerung lebt in der Hauptstadt und ihren Vororten. In manchen Binnendörfern ist der Kafenion-Betrieb der letzte Gemeinschaftsort, die Schule längst geschlossen und der Altersdurchschnitt hoch. Der Tourismus hat diese Dörfer nicht entvölkert, aber er hat die Alternative geschaffen, die die Abwanderung attraktiv machte.

Die Landschaft. Sichtbar ist der Wandel vor allem an der Küste. Wo bis in die 1960er-Jahre Felder bis ans Wasser reichten, liegen heute Hotelzeilen, Promenaden, Parkplätze und Strandbars; Feuchtgebiete wurden trockengelegt, Dünen überbaut, Zufahrten in Steilküsten gesprengt. Zugleich hat der Tourismus Flächen geschützt, die sonst längst bebaut wären: Das Tal der Schmetterlinge, die Pinienwälder um Profitis Ilias und die Landzunge von Prasonisi stehen unter Schutz, weil sie touristisch wertvoll sind. Und weil die Landwirtschaft im Binnenland zurückging, wuchs dort Macchia über aufgegebene Terrassen — schön anzusehen, brandökologisch aber ein Problem, weil ungenutztes Buschland mehr Feuerlast trägt als bewirtschaftetes.

Zugleich wäre es unehrlich, die Insel auf ihre Hotelmeilen zu reduzieren. Wenige Kilometer hinter den Hotelzonen beginnt ein anderes Rhodos: Bergdörfer mit Kafenion-Alltag, der dünn besiedelte Süden um Gennadi und Lachania, Klöster, Weinberge, leere Küstenabschnitte. Die Zweiteilung aus den Boom-Jahren ist heute die Wahlfreiheit der Besucher — beide Inseln existieren gleichzeitig, und man entscheidet bei der Buchung, welche man bekommt.

Der Brand von 2023 und was folgte

Wie verletzlich das Modell ist, zeigte der Juli 2023. Tagelange Waldbrände fraßen sich durch den Südosten der Insel; betroffen waren unter anderem Kiotari, Gennadi, Lardos, Asklipio und das Umland von Lindos. Nach Regierungsangaben wurden rund 19.000 Menschen — Urlauber wie Einheimische — binnen weniger Tage in Sicherheit gebracht, mit Bussen und über das Meer; rechnet man alle mit, die sich selbst in Bewegung setzten, nennen Berichte bis zu 30.000. Es war die größte Evakuierung wegen eines Feuers in der Geschichte Griechenlands. Unter den Urlaubern gab es keine Todesopfer. Die Bilder von Menschen, die mit Koffern am Strand auf Boote warteten, gingen um die Welt und trafen die Insel mitten in der Hochsaison.

Der Schaden war doppelt: verbrannte Wälder, Häuser und Betriebe im Südosten — und ein Bild, das sich festsetzte. Für viele Fernsehzuschauer brannte nicht ein Inselabschnitt, sondern „Rhodos“. Tatsächlich blieben Rhodos-Stadt, die gesamte Nordhälfte und die Westküste unberührt, und der Flughafen arbeitete durchgehend. Die Buchungen brachen im August 2023 trotzdem ein, und die Insel musste im Winter darauf erst einmal erklären, dass sie noch da ist.

Die Erholung verlief dann schneller, als viele erwartet hatten. Schon 2024 liefen fast alle Hotels im Brandgebiet wieder, die Winterregen brachten erstes Grün auf die Brandflächen, und die Ankunftszahlen erreichten neue Höchststände. Aufgeforstet wurde teils staatlich, teils durch Freiwilligeninitiativen und Hotelketten; Fachleute weisen dabei darauf hin, dass sich Kiefernwald in weiten Teilen von selbst regeneriert, wenn man ihn in Ruhe lässt und Beweidung steuert. Ausgebaut wurden außerdem Löschkapazitäten, Drohnen- und Kameraüberwachung, abgestimmte Evakuierungspläne der großen Hotels und die Warnketten über das System 112. Wer heute durch den Südosten fährt, sieht beides: nachwachsende Macchia und junge Kiefern neben einzelnen schwarzen Stämmen. Was das praktisch für einen Urlaub bedeutet — Gefahrenstufen, Warn-Apps, Verhalten im Ernstfall — steht im Beitrag Wie sicher ist Rhodos?; im Sommer 2026 gab es auf der Insel keinen Großbrand und keine Evakuierung (Stand September 2026).

Die Insel heute in Zahlen

Die belastbarste Größe ist der Flughafen. Diagoras bei Paradisi zählte 2025 erstmals mehr als sieben Millionen Passagiere — das sind Ankünfte und Abflüge zusammen, also grob dreieinhalb Millionen ankommende Fluggäste; damit ist Rhodos der viertgrößte Flughafen Griechenlands. Im ersten Quartal 2026 lag das Passagieraufkommen noch einmal rund neun Prozent darüber (Stand September 2026). Dazu kommen Kreuzfahrtgäste: Der Hafen von Rhodos zählte 2025 nach Branchenerhebungen zwischen etwa 450 und 500 Schiffsanläufe, deutlich mehr als im Jahr zuvor.

Wer daraus eine einzige Besucherzahl macht, muss aufpassen. Je nach Zählweise — Flugankünfte, Hotelübernachtungen, Grenzstatistik, mit oder ohne Kreuzfahrt-Tagesgäste und Inlandsreisende — kursieren für Rhodos Werte zwischen rund zwei und dreieinhalb Millionen Gästen pro Jahr. Die Spannweite ist kein Schlampigkeitsproblem, sondern eine Frage der Definition; seriös ist die Größenordnung, nicht die Nachkommastelle. Die größten Herkunftsmärkte sind Großbritannien und Deutschland, dahinter wachsen Polen, Israel, die Türkei und Skandinavien.

Dem gegenüber stehen die Einheimischen: Der Zensus 2021 zählte 125.113 Einwohner auf Rhodos, davon 56.440 in Rhodos-Stadt. Auf jeden Inselbewohner kommen also in einem guten Jahr grob zwanzig bis dreißig Gäste. Das ist der Kern der Übertourismus-Debatte — nicht als Vorwurf, sondern als Rechenaufgabe: Wasser, Strom, Müll, Straßen und Klinik sind für eine sechsstellige Bevölkerung gebaut und versorgen im August ein Vielfaches davon.

Die dritte Zahl ist die Saison. Sie ist deutlich länger geworden: Charterflüge starten inzwischen ab März und laufen bis in den November, viele Hotels öffnen Anfang April, und die Kreuzfahrtsaison 2026 begann bereits am 2. Januar — der früheste Start in der Geschichte des Hafens. Das entzerrt die Spitze und schafft Arbeit im Winter; ob daraus ein echter Ganzjahresbetrieb wird, ist offen. Was das für die Reiseplanung heißt, steht in den Monatsbeiträgen zu April, Oktober und Winter.

Wasser, Müll, Saison: die offenen Fragen

Wasser ist die erste. Rhodos ist wasserreicher als die meisten Kykladeninseln — es hat Quellen, Bäche und mit der Gadouras-Talsperre im Osten einen Speicher mit rund 65 Millionen Kubikmetern Stauraum, dessen Aufbereitungsanlage seit Mitte der 2010er-Jahre den Norden der Insel mitversorgt. Das entschärfte die chronische Knappheit von Rhodos-Stadt, löste sie aber nicht: Der Verbrauch fällt fast vollständig in die trockenen Monate, in denen kein Niederschlag nachkommt, und Hotels, Pools und Bewässerung stehen in Konkurrenz zur Landwirtschaft. In mehreren trockenen Jahren der 2020er wurde in Teilen der Insel der Druck reduziert oder nachts abgestellt. Die Antwort heißt inzwischen auch hier Entsalzung: Wie auf vielen griechischen Inseln entstehen Meerwasseranlagen für Gemeinden und Hotelzonen — sie liefern verlässlich, brauchen aber viel Strom und erzeugen Salzlake. Trinkbar ist das Leitungswasser auf Rhodos in aller Regel; wer Geld und Plastik sparen will, füllt eine Mehrwegflasche.

Müll und Abwasser sind die zweite. Die Insel produziert im August ein Vielfaches der Winterabfallmenge, die Deponiekapazität ist begrenzt, und Recyclingquoten liegen unter dem EU-Ziel. Sichtbar wird das für Gäste selten — spürbar ist es in den Gebühren und in den Debatten des Gemeinderats.

Wohnraum ist die dritte und die unauffälligste. Kurzzeitvermietung hat in Rhodos-Stadt, in der Altstadt und in den Ferienorten Wohnungen aus dem Dauermietmarkt gezogen, während die Insel jeden Sommer zehntausende Saisonkräfte braucht, die irgendwo schlafen müssen. Betten für Personal sind an der Ostküste ein realer Engpass geworden.

Und schließlich die Finanzierung. Seit 2024 erhebt Griechenland eine Klimakrisen-Abgabe, die TAKK, die die alte Übernachtungssteuer ersetzt und ausdrücklich für Katastrophenschutz und Klimaanpassung zweckgebunden ist — eine direkte Konsequenz aus den Bränden und Fluten der Jahre 2023 und 2024. Sie wird pro Zimmer und Nacht an der Unterkunft kassiert, ist im Pauschalreisepreis in der Regel nicht enthalten und liegt von April bis Oktober je nach Kategorie zwischen 2 und 15 Euro, von November bis März zwischen 0,50 und 4 Euro. Kreuzfahrtpassagiere zahlen zusätzlich eine Anlaufgebühr; für Rhodos sind das in der Hochsaison 5 Euro pro Person, während für Santorin und Mykonos 20 Euro gelten (Stand September 2026). Für eine Woche im Vier-Sterne-Haus kommen so schnell um die 70 Euro zusammen, die man im Budget einplanen sollte — Details zu Bargeld, Karten und Nebenkosten sammelt der Ratgeber Geld und Trinkgeld.

Was Reisende davon merken

Sehr viel von dieser Geschichte ist im Urlaub konkret spürbar — man muss nur wissen, wohin man schaut.

Auf der Rechnung: Die TAKK taucht an der Rezeption als separater Posten auf, meist bar oder per Karte beim Check-in oder Check-out. Wer sie nicht kennt, hält sie für eine Abzocke; sie ist eine Steuer.

In der Verteilung: Dass Hotels im Norden dicht stehen und der Süden leer wirkt, ist keine Laune der Landschaft, sondern das Ergebnis der Boom-Entscheidungen der 1970er- und 1980er-Jahre. Wer Ruhe sucht, fährt südlich von Lindos; wer Infrastruktur und kurze Wege will, bleibt im Dreieck Rhodos-Stadt, Ixia und Faliraki. Der Vergleich Ost- oder Westküste beruht in weiten Teilen genau auf dieser Geschichte.

Im Kalender: Weil die Saison länger geworden ist, sind Mai, Juni, September und Oktober heute vollwertige Reisemonate mit offenen Hotels, laufenden Bussen und moderaten Preisen — und deutlich angenehmer als der Hochsommer. Die beste Reisezeit vergleicht die Monate im Detail.

Am Wasserhahn und am Buffet: Handtücher nicht täglich wechseln zu lassen, kürzer zu duschen und die eigene Flasche zu füllen sind auf Rhodos keine Symbolpolitik, sondern greifen an der knappsten Ressource der Insel an.

Im Brandgebiet: Wer den Südosten besucht, sieht die Spuren von 2023 — und trägt zugleich dazu bei, dass die Betriebe dort wieder auf die Beine kommen. Übernachten in Kiotari oder Gennadi ist keine pietätlose Idee, sondern das Gegenteil.

In den Dörfern: Ein Kaffee im Kafenion von Salakos oder ein Essen in Lachania statt an der Hotelpromenade verteilt Geld genau dorthin, wo der Strukturwandel es abgezogen hat. Das ist die praktischste Form von nachhaltigem Reisen auf dieser Insel.

Knapp acht Jahrzehnte nach der Enosis ist Rhodos eine Erfolgsgeschichte mit offenen Rechnungen. Die Insel, die 1948 ihre Jugend in die Emigration verlor, gehört heute zu den wohlhabenderen Regionen Griechenlands; der Tourismus hat Dörfer, Häfen und Familien getragen, durch Finanzkrise, Pandemie und Brandsommer hindurch. Die offenen Rechnungen heißen Saisonalität, Wasser, Wohnraum und Klimawandel — und die Frage, ob Wachstum allein noch das richtige Ziel ist, wird auch auf Rhodos inzwischen laut diskutiert. Wer die Insel besucht, ist Teil dieser fünften Epoche.

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Die vorangegangenen Epochen erzählen die Beiträge zur Antike, zur Johanniterzeit, zur osmanischen Zeit und zur italienischen Zeit. Wer die fünfte Epoche vor Ort ansehen will, beginnt in der Altstadt von Rhodos, fährt weiter in die Hotelzonen von Ixia und Faliraki und endet an der Anthony-Quinn-Bucht. Praktisch weiter geht es mit Wo übernachten auf Rhodos, dem Sicherheitsbeitrag Waldbrände, Erdbeben und die echten Risiken und der 7-Tage-Route.