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Geschichte

Die osmanische Zeit: 390 Jahre, die das Innere der Altstadt geformt haben

Zwischen den Johannitern und den Italienern liegen fast vier Jahrhunderte osmanischer Herrschaft (1522/23–1912) — die am wenigsten bekannte und vielleicht am stärksten unterschätzte Epoche von Rhodos. Moscheen, Hamams, Brunnen und das jüdische Viertel stammen aus dieser Zeit.

12 Min. LesezeitAktualisiert 13. Juni 2026

Wenn von der Geschichte der Altstadt von Rhodos die Rede ist, geht es fast immer um die Johanniter. Was zwischen ihrem Abzug Anfang 1523 und der italienischen Übernahme 1912 geschah — also fast vier Jahrhunderte —, bleibt meist eine Leerstelle. Dabei ist das die Zeit, in der aus der streng zonierten Ritterfestung eine normale, gemischte ostmediterrane Stadt wurde. Wer heute durch die südlichen Gassen, durch den Sokratous-Basar oder am ehemaligen jüdischen Viertel entlangläuft, bewegt sich vor allem durch osmanisch geprägte Stadtstruktur. Die UNESCO bringt es in ihrer Welterbe-Begründung auf den Punkt: Die Geschichte der Stadt sei 1523 nicht abgerissen, sondern habe sich bis 1912 fortgesetzt — mit dem Hinzukommen wertvoller islamischer Monumente wie Moscheen, Bädern und Wohnhäusern.

Die Eroberung 1522 und die Folgen

Die Belagerung von 1522 war der zweite osmanische Versuch, die Johanniter von der Insel zu vertreiben — der erste, unter Mehmed II., war 1480 gescheitert. Diesmal führte der junge Sultan Süleyman der Prächtige ein gewaltiges Heer heran; nach rund einem halben Jahr Belagerung und schwerem Beschuss kapitulierte Großmeister Philippe Villiers de L'Isle-Adam am 18. Dezember. Die Belagerung endete jedoch nicht mit einer Erstürmung, sondern mit einer ausgehandelten Übergabe. Die Bedingungen galten als großzügig: Die Ritter durften mit Waffen, Wertsachen und religiösen Bildern innerhalb von zwölf Tagen ehrenhaft abziehen, und der griechischen Bevölkerung wurde zugesichert, ihren Glauben weiter frei auszuüben. Am 1. Januar 1523 verließen die letzten Ordensritter die Insel; sie ließen sich später auf Malta nieder.

Damit wurde Rhodos nicht zur erstürmten, sondern zur übergebenen Stadt — ein Detail mit Folgen. Die mittelalterliche Bausubstanz wurde nicht systematisch zerstört, die Mauern blieben bestehen, viele Häuser wurden einfach weiterbenutzt. Verändert wurde vor allem die Funktion der Stadt: Die Eroberung sicherte den Osmanen die Kontrolle über das östliche Mittelmeer und die Seeverbindung zwischen Konstantinopel und Kairo. Verwaltungstechnisch wurde Rhodos in die Marineprovinz des Reiches eingegliedert — das Eyâlet des Archipels, das Herrschaftsgebiet des Kapudan Pascha, also des Großadmirals. Diese Anbindung an die Flottenverwaltung hielt die Insel über Jahrhunderte stabil, aber wirtschaftlich und militärisch eher zweitrangig: Das östliche Mittelmeer war nun ein osmanischer Binnensee, ein erkennbarer wirtschaftlicher Aufschwung der Insel ist erst ab dem 18. Jahrhundert belegt.

Die erste sichtbare Maßnahme nach der Übernahme betraf die Kirchen. Wie überall im Reich wandelten die Osmanen die wichtigsten christlichen Gotteshäuser in Moscheen um — allen voran die spätere Süleymaniye-Moschee — und passten größere Bürgerhäuser nach und nach an die osmanische Wohnweise an. Das war kein einmaliger Akt, sondern ein langfristiger Prozess: Über die Ritterzeitfassaden mit ihren Wappen und Spitzbögen legten sich osmanische Schichten. Charakteristisch wurden zwei Ergänzungen — Bäder, meist auf der Rückseite der Gebäude, und hölzerne, geschlossene Erker, die sich über die schmalen Gassen schoben. Gerade weil so behutsam umgebaut wurde, blieb der mittelalterliche Kern erhalten; das Ergebnis ist jene Mischung aus westlichem Steinbau und orientalischer Bauweise, die die Altstadt bis heute prägt.

Moscheen, Hamams und Brunnen

Anders als später die Italiener bauten die Osmanen keine vollständig neuen Quartiere. Sie fügten ihre eigenen Funktionen — religiöse, hygienische, soziale — in die bestehende Stadt ein. Weil eine Moschee zur Gebetsrichtung (Qibla) ausgerichtet sein muss und diese selten zum vorhandenen Straßenraster passte, wurden für Neubauten oft Nachbargebäude abgeräumt; so entstanden die kleinen, unregelmäßigen Plätze mit einem Brunnen davor, die heute zum Bild der Altstadt gehören. Die wichtigsten erhaltenen Bauten:

  • Süleymaniye-Moschee — die erste Moschee der Stadt, errichtet unmittelbar nach der Eroberung und nach Süleyman benannt. Die Überlieferung verortet sie auf den Resten einer früheren Kirche. Der heute sichtbare Bau ist ein Wiederaufbau von 1808 nach dem Vorbild des Originals; mehr dazu im nächsten Abschnitt.
  • Ibrahim-Pascha-Moschee (947 n. H. / 1540–41) am heutigen Platonos-Platz — eine der ältesten erhaltenen Moscheen der Insel.
  • Recep-Pascha-Moschee (1588) am Dorieos-Platz, gestiftet von Großwesir Recep Pascha, mit seinem Mausoleum und einem Waschbrunnen im Hof — einer der reicher ausgestatteten Bauten.
  • Mustafa-Pascha-Moschee mit Hamam an der Platia Arionos, errichtet unter Sultan Mustafa III. um 1764/65 — das dazugehörige osmanische Bad blieb bis in jüngere Zeit in Betrieb.
  • Hafiz-Ahmed-Agha-Bibliothek (1793) gegenüber der Süleymaniye — eine der wenigen erhaltenen osmanischen Stiftungsbibliotheken Griechenlands (eigener Abschnitt unten).
  • Sokratous-Straße als von beiden Seiten bebaute, geschäftige Basarachse — bis heute die kommerzielle Hauptader der Altstadt.

Dazu kam eine ganze Reihe kleinerer Stadtteilmoscheen (Mescit), die oft an der Stelle früherer byzantinischer Kirchen entstanden — die UNESCO nennt in ihrer Beschreibung neben der Süleymaniye unter anderem die Kavakli-, die Demirli- und weitere Moscheen.

Über die einzelnen Bauten hinaus veränderte sich die Infrastruktur. Das Wassersystem wurde ausgebaut, die Stadt bekam ein dichtes Netz öffentlicher Brunnen (Çeşme), von denen mehrere erhalten sind — manche mit arabischer Inschrift, wie sie in einer christlichen Stadt sonst nicht vorkäme. Höfe wurden überdacht, Erker (Cumba) wuchsen über die Gassen, Gebäude ordneten sich um einen Innenhof als Familienzentrum statt um die repräsentative Straßenfassade. Was heute als „mediterrane Atmosphäre“ der Altstadt empfunden wird — verwinkelte Gassen, schattige Innenhöfe, plötzliche kleine Plätze mit einem Brunnen —, ist zu einem großen Teil osmanische Stadtform, nicht johanniterzeitliche.

Die Süleymaniye und die Bibliothek am Basar

Die Süleymaniye-Moschee am oberen Ende der Sokratous-Straße ist das wichtigste erhaltene osmanische Bauwerk der Insel. Gegründet wurde sie gleich nach 1522 und nach dem Eroberer benannt; der heutige Bau geht auf einen Wiederaufbau von 1808 zurück und wurde danach mehrfach restauriert. Ihr Gebetssaal besteht aus drei Kuppelräumen, der hohen Mittelkuppel und zwei flankierenden kleineren — ein Grundriss, der auf eine frühe osmanische Bauform mit angeschlossenen Herbergen für Derwische zurückgeht. Das kunstvolle Marmorportal stammt ursprünglich von einem Grabmal der Johanniter und wurde erst 1863 in die Moschee eingebaut. Wer vor dem rosa getünchten Bau mit dem Minarett steht, sollte wissen: Für den Gottesdienst ist die Moschee seit 2014 geschlossen; das heutige Minarett ersetzt ein 1987 aus statischen Gründen abgetragenes, die große Restaurierung lief von 1988 bis 2005. Das Innere ist daher in der Regel nicht zugänglich.

Schräg gegenüber liegt die Hafiz-Ahmed-Agha-Bibliothek, eine echte Rarität. Hafiz Ahmed Agha, ein gebürtiger Rhodier, richtete 1792 in Istanbul eine Stiftung (Vakıf) ein; das Bibliotheksgebäude entstand 1793 neben der Süleymaniye. Die Grundausstattung umfasste 828 Handschriften, jede mit dem Siegel des Stifters versehen — Werke auf Osmanisch, Arabisch und Persisch aus rund zwanzig Wissensgebieten, überwiegend den islamischen Wissenschaften. Bemerkenswerterweise sind von diesen 828 Bänden noch heute 806 mit dem Originalsiegel im Bestand; durch Schenkungen und Übernahmen anderer osmanischer Sammlungen der Insel ist die Bibliothek auf gut 1.260 Handschriften angewachsen. Sie zählt damit zu den wenigen erhaltenen historischen Bibliotheken dieser Art in Griechenland.

Wer in der Stadt lebte

Unter den Johannitern war die Altstadt zweigeteilt: im Norden das Kollachium, das geschlossene Ordensviertel rund um den Großmeisterpalast und die Ritterstraße, südlich der Bourg, in dem die Bürger lebten — 1522 etwa 5.000 Menschen. Die Osmanen behielten diesen Grundriss bei, tauschten aber die Bewohner aus. Innerhalb der Mauern lebten fortan vor allem zwei Gemeinschaften: muslimische Familien — viele in den großen Häusern der ehemaligen Ritterstadt — und die jüdische Gemeinde in ihrem Viertel im Südosten. Die griechisch-orthodoxen Christen dagegen wurden, so die übereinstimmende Darstellung der Quellen, gezwungen, die ummauerte Stadt zu verlassen und sich in neuen Vorstädten vor den Toren niederzulassen — den sogenannten Marasia, vor allem im Bereich des heutigen Mandraki. Aus diesen Vorstädten entstand später die Neustadt von Rhodos-Stadt.

Über diese grobe Ordnung hinaus ist Vorsicht angebracht. Verbreitet — vor allem in lokaler Überlieferung — ist die Schilderung, Christen hätten in der Stadt arbeiten, aber nicht übernachten dürfen: Abends seien die Stadttore geschlossen und die griechischen Händler hinausgeschickt worden, weshalb sie ihre Häuser eng beieinander in den Feldern bei Mandraki bauten. Wie streng und wie durchgehend dieses nächtliche Verbot tatsächlich gehandhabt wurde, lässt sich aus den gängigen Quellen nicht sicher belegen; gut belegt ist dagegen, dass die Christen aus der ummauerten Stadt in die Vorstädte verdrängt wurden. Sicher ist auch, dass die Trennung im Lauf der Jahrhunderte durchlässiger wurde — der Grundriss aus muslimischem Norden, jüdischem Südosten und griechischen Vorstädten aber blieb bis 1912 erkennbar.

Das jüdische Rhodos

Im Südosten der Unterstadt liegt das jüdische Viertel, die Juderia oder Evraiki — eine der ältesten kontinuierlichen jüdischen Gemeinden des Mittelmeers; jüdisches Leben auf Rhodos reicht über zwei Jahrtausende zurück. Unter den Osmanen blühte die Gemeinde auf: Viele sephardische Familien, die nach 1492 vor der spanischen Inquisition geflohen waren, ließen sich hier nieder und bewahrten über Generationen ihre Sprache, das Ladino (Judäo-Spanisch). Zeitweise gab es im Viertel sechs Synagogen. Die Gemeinde war wirtschaftlich bedeutend und hatte eigene Schulen und Einrichtungen.

Das eindrücklichste erhaltene Zeugnis ist die Kahal-Shalom-Synagoge (vollständig Kahal Kadosh Shalom, „Heilige Gemeinde des Friedens“) von 1577 — nach Angaben der Jüdischen Gemeinde und gängiger Einordnung die älteste erhaltene Synagoge Griechenlands. Ihr Inneres folgt sephardischer Tradition: die Bima (Lesepult) in der Mitte des Saals, der Boden aus dem typischen schwarz-weißen Rhodos-Kieselmosaik, im Hof ein Brunnen für die rituelle Handwaschung. Bis heute finden hier — vor allem in den Sommermonaten, wenn jüdische Besucher und Nachkommen der Gemeinde (die „Rhodeslis“) auf die Insel kommen — Gottesdienste statt; im Gebäude ist zudem das Jüdische Museum von Rhodos untergebracht. Die jüdische Gemeinde der Insel ist heute nur noch sehr klein.

Das blühende jüdische Rhodos der osmanischen Zeit endete erst lange nach den Osmanen, in der Kriegszeit unter deutscher Besatzung: Im Juli 1944 wurde fast die gesamte Gemeinde nach Auschwitz deportiert, nur wenige überlebten. Diese Tragödie gehört in die italienische beziehungsweise die Kriegszeit; ausführlich behandeln wir sie im Stadtporträt von Rhodos-Stadt und im Beitrag zur italienischen Zeit.

Vier Jahrhunderte Alltag — und die Insel jenseits der Stadt

Außerhalb der Hauptstadt war die osmanische Präsenz dünner, aber sichtbar. In Lindos, Archangelos und einigen Bergdörfern saßen Garnisonen oder Verwaltungsbeamte, lebten aber neben einer überwiegend griechisch-orthodoxen Landbevölkerung. Die alten Johanniterburgen im Inselinneren (Monolithos, Kritinia, Feraklos) verloren ihre militärische Bedeutung und wurden aufgegeben oder nur sporadisch genutzt — das Reich musste an dieser Küste keine Belagerung mehr fürchten. Die Insel diente vor allem als Markt für die Agrarprodukte des Hinterlands und der umliegenden kleinen Inseln. In dieser langen, ruhigen Zeit prägte sich auch das Bild der niedrigen, kalkgetünchten Dorfhäuser aus, das wir heute mit Rhodos verbinden — osmanisch beeinflusste Volksarchitektur im Anschluss an die griechische Bauweise des Mittelmeerraums.

Auch außerhalb der Mauern hinterließ die Epoche markante Bauten. Am Mandraki-Hafen liegt die Murad-Reis-Moschee, um 1623 errichtet und nach einem berühmten osmanischen Admiral der Süleyman-Zeit benannt; sie steht der Überlieferung nach an der Stelle einer früheren Kirche. Um sie herum erstreckt sich der osmanische Friedhof mit den Grabstelen würdenträger und des Admirals selbst — über Jahrhunderte ein Wallfahrtsort von Seeleuten, die sich Glück auf See erbaten. Etwas erhöht in der Neustadt steht der Uhrturm (Roloi): Der von Fethi Pascha gestiftete Bau entstand 1852 unter Sultan Abdülmecid und dient heute als Aussichtspunkt mit Café — von oben einer der schönsten Blicke über die Dächer und Minarette der Altstadt.

Was geblieben ist

Die osmanische Phase endete 1912 — nicht durch einen griechischen Aufstand wie auf vielen anderen Ägäisinseln, sondern durch die italienische Besetzung im Italienisch-Türkischen Krieg, mit der gut vier Jahrhunderte osmanischer Herrschaft zu Ende gingen. Ein Teil der muslimischen Bevölkerung blieb zunächst. Erst nach dem griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch der 1920er Jahre und vollends nach dem Anschluss des Dodekanes an Griechenland 1947/48 wurde die muslimische Gemeinde sehr klein. Bezeichnend für den Umgang der nachfolgenden Epoche: Die italienische Verwaltung bewahrte die Reste der Ritterzeit und baute den Großmeisterpalast wieder auf — viele osmanische Bauten dagegen ließ sie abräumen.

Geblieben ist eine Stadt, die in mehreren Zeiten gleichzeitig existiert: ritterzeitlich in den Mauern und der Ritterstraße, osmanisch in den Gassen, Höfen, Moscheen und Brunnen, italienisch in der Restaurierung und der Neustadt. Die UNESCO würdigt diese Schichtung ausdrücklich — die osmanischen Umbauten hätten den Charakter der historischen Siedlung „nicht im Geringsten beschädigt“ und seien einzigartiges Zeugnis ihrer Geschichte. Die osmanische Schicht ist die unauffälligste von allen — und zugleich die, die das Alltagsleben der Altstadt am stärksten geformt hat.