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Geschichte

Die italienische Zeit: Wie Rhodos sein heutiges Gesicht bekam

Von 1912 bis 1943 stand Rhodos unter italienischer Herrschaft. In gut drei Jahrzehnten wurde das sichtbare Gesicht der Stadt stärker verändert als in den vier Jahrhunderten davor, durch eine Kolonialmacht, deren Erbe bis heute prägend und zugleich schwierig ist.

18 Min. LesezeitZuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2026

Die breiten Boulevards am Mandraki-Hafen, gesäumt von Arkaden, Verwaltungsbauten, der Markthalle und dem Gouverneurspalast, gehören weder zum mittelalterlichen noch zum osmanischen Rhodos. Sie stammen aus der kürzesten und zugleich folgenreichsten Bauphase der Insel, der italienischen Herrschaft von 1912 bis 1943. In diesen gut drei Jahrzehnten wurde am sichtbaren Stadtbild von Rhodos-Stadt mehr verändert als in den rund vier Jahrhunderten der osmanischen Zeit davor.

Diese Epoche ist überall gegenwärtig, und sie ist alles andere als harmlos. Sie war Kolonialherrschaft mit Italianisierungsdruck, Symbolpolitik und, ab 1938, den faschistischen Rassengesetzen. Bei einem Gang über Rhodos bewegt man sich fast unweigerlich auf Wegen, die in dieser Zeit gezogen wurden; deshalb gehört die Einordnung zu jedem Besuch dazu.

1912: Wie Italien nach Rhodos kam

Rhodos geriet 1912 fast nebenbei unter italienische Kontrolle. Im Italienisch-Türkischen Krieg, in dem es eigentlich um Libyen ging, suchte Italien ein Druckmittel gegen den Sultan und griff nach den Inseln der südöstlichen Ägäis. Am 4. Mai 1912 landeten italienische Truppen unter Generalleutnant Giovanni Ameglio ohne Gegenwehr in der Kallithea-Bucht südöstlich der Stadt, ausgerechnet dort, wo siebzehn Jahre später der Kurkomplex entstehen sollte. Viele der rund 9.000 bis 10.000 Mann waren Veteranen der Kämpfe in Libyen und kamen direkt aus Bengasi und Tobruk.

Die osmanische Garnison zog sich ins Inselinnere zurück. In den Bergen um Psinthos kam es am 15. Mai zum entscheidenden, aber kurzen Gefecht von wenigen Stunden; am 16. Mai 1912 kapitulierte der osmanische Befehlshaber (griechische Darstellungen nennen den 17. Mai), knapp zwei Wochen nach der Landung. Damit endeten fast vier Jahrhunderte osmanischer Herrschaft auf Rhodos. Die Zahl der osmanischen Gefallenen schwankt je nach Quelle zwischen gut 80 und rund 300. Im ruhigen Binnenland um Psinthos deutet heute kaum etwas darauf hin, nur eine Marmortafel am Ortsrand erinnert an die Toten.

Die Besetzung war ausdrücklich als vorübergehend deklariert. Im Vertrag von Ouchy versprach Italien noch im Oktober 1912 die Rückgabe des Dodekanes an das Osmanische Reich, knüpfte sie aber an Bedingungen, die nie eintraten. Aus dem Provisorium wurde ein Dauerzustand: Eine Militärverwaltung regierte die Inseln, die griechische Bevölkerung hoffte auf den Anschluss an Griechenland, und die europäische Diplomatie schob die Frage vor sich her.

Erst der Vertrag von Lausanne machte aus dem Provisorium dauerhaftes Recht: 1923 verzichtete die Türkei in Artikel 15 des am 24. Juli unterzeichneten Vertrags endgültig auf den Dodekanes, und Italien führte die Inseln fortan als Possedimenti Italiani dell'Egeo. Damit gehörte Rhodos zu Italien, faktisch bis zur deutschen Besetzung im September 1943, völkerrechtlich bis zur Übergabe an Griechenland 1947/48. Fast das gesamte Bauprogramm, das die Insel heute prägt, fällt in die zwanzig Jahre zwischen Lausanne und dem Kriegsende.

Lago und De Vecchi: zwei Politiken

Politisch zerfällt die italienische Zeit in zwei sehr unterschiedliche Hälften, ablesbar an ihren Gouverneuren. Mario Lago, von 1923 bis 1936 ziviler Gouverneur und von Haus aus Diplomat, setzte auf ein vorsichtiges Nebeneinander von Griechen, Türken, Juden und zugewanderten Italienern. Er ließ gewählte Bürgermeister im Amt, förderte Stipendien an italienischen Universitäten, gründete 1928 ein rabbinisches Kolleg für die jüdischen Gemeinden des östlichen Mittelmeers und warb für ein Ideal der mediterraneità: Rhodos als natürliche Fortsetzung einer lateinisch-mediterranen Tradition, in die sich alle einfügen sollten.

Weich war diese Politik trotzdem nur an der Oberfläche. Gegenüber der griechisch-orthodoxen Kirche war Lago unnachgiebig: Er versuchte, sie vom Ökumenischen Patriarchat abzukoppeln und zu einer eigenständigen Dodekanes-Kirche unter italienischer Aufsicht zu machen, und ließ Geistliche, die sich weigerten, verbannen. Auch der Ausbau der Archäologie diente einem politischen Zweck: Je mehr römische und ritterzeitliche Spuren zutage traten, desto besser ließ sich behaupten, Rhodos kehre nur in seinen angestammten lateinischen Zusammenhang zurück.

Sein Nachfolger Cesare Maria De Vecchi (1936–1940), Quadrumvir des Marsches auf Rom und einer der härtesten Funktionäre des Regimes, brach mit dieser Linie. Unter ihm wurde Italienisch alleinige Amtssprache; in den Schulen sank Griechisch zum Wahlfach herab, im öffentlichen Leben verschwand es weitgehend. 1937 ersetzte in jeder Gemeinde ein ernannter podestà den gewählten Bürgermeister, faschistische Jugendorganisationen wie die Opera Nazionale Balilla kamen auf die Inseln, Orts- und Personennamen wurden italianisiert.

Der Druck traf die Religionsgemeinschaften unmittelbar. Orthodoxe Geistliche wurden abgesetzt oder ausgewiesen, kirchliche Schulen geschlossen, die Kontakte zum Patriarchat gekappt. 1938 wurden die italienischen Rassengesetze auf den Dodekanes übertragen: Die jüdische Gemeinde verlor ihre Rechte, das rabbinische Kolleg wurde geschlossen, jüdische Kinder mussten die öffentlichen Schulen verlassen, und viele Familien wanderten aus. Im selben Zeitraum musste die Gemeinde ihren historischen Friedhof räumen. Die Bauleistung dieser Jahre und die Entrechtung gehören zusammen, das eine lässt sich nicht ohne das andere erzählen.

Der juristische Sonderstatus
Der Dodekanes war kein gewöhnliches Kolonialgebiet, aber auch kein Teil des italienischen Mutterlandes, sondern ein Zwischending, italienisch „possedimento“. Folge: Die Inselbewohner erhielten keine volle Staatsbürgerschaft und mussten auch nicht in der italienischen Armee dienen. Dieser Schwebezustand erklärt manche Halbherzigkeit der italienischen Politik vor Ort.

Das Bauprogramm in der Stadt: Foro Italico und Mandraki

Anders als die Osmanen, die im Wesentlichen innerhalb der Stadtmauern geblieben waren, planten die Italiener eine eigene, neue Stadt direkt vor den Toren der Altstadt. Schlüsselfigur war der Architekt Florestano Di Fausto, oft als „Vater des italienischen Rhodos“ bezeichnet. Sein Stadtplan, fertiggestellt am 29. Januar 1926, schonte den mittelalterlichen Mauerring fast vollständig und legte die Neustadt als gartenstadtartiges Quartier südlich des Westufers des Mandraki-Hafens an. Die Hauptachse dieser Neustadt erhielt einen programmatischen Namen: Foro Italico.

Entlang dieser Achse und am Hafen reihte Di Fausto die Repräsentationsbauten der Kolonie. Stilistisch ist das eine bewusste Mischung aus Anleihen bei byzantinischer, osmanischer, venezianischer, römischer und ritterlicher Architektur, die das italienische Schlagwort mediterraneità (Mittelmeerlichkeit) in Stein übersetzen sollte: Die Kolonie sollte als natürliche Fortsetzung einer lateinisch-mediterranen Tradition erscheinen, in die sich auch die vielfältige Bevölkerung einfügte.

Die wichtigsten Bauten stehen bis heute. Der Gouverneurspalast (Palazzo del Governo, 1926) zitiert mit seiner weiß-rosa Steinfassade offen den Dogenpalast in Venedig und beherbergt heute die Präfektur des Dodekanes. Daneben entstanden das neorenaissancehafte Postgebäude (1927) und die Markthalle (Nea Agora, Mercato Nuovo), ein vieleckiger Bau mit deutlich orientalischem Einschlag im Zentrum der Neustadt. Die katholische Kathedrale San Giovanni (1924/25, heute die orthodoxe Evangelismos-Kirche) rekonstruierte nach alten Stichen die 1856 zerstörte Ordenskirche der Altstadt.

Eine eigene Geschichte erzählt das Grande Albergo delle Rose (1927, heute Kasino), das Di Fausto mit Michele Platania errichtete: ein eklektischer Luxusbau, dessen Art-déco-Schmuck Ende der 1930er-Jahre unter De Vecchi wieder „gereinigt“ wurde. Das Haus zeigt gut, wie der spätere, härtere Faschismus seine eigene frühe, verspieltere Phase überschrieb. In dieselbe Spätzeit gehören das Teatro Puccini (1937, rund 1.200 Plätze, heute Nationaltheater) und die Casa del Fascio (1939, heute Rathaus) in nüchtern-monumentaler Rationalismo-Sprache.

Zum Programm gehörten auch die Bauten für Freizeit und Wissenschaft, die heute zu den meistbesuchten Zielen der Insel zählen. An der Kallithea-Bucht entwarf der Architekt Pietro Lombardi ab 1928 einen Thermalkurort um eine seit der Antike bekannte Quelle; eröffnet wurde er am 1. Juli 1929 in Anwesenheit von König Viktor Emanuel III. Die große Rotunde, die Kolonnaden und die schwarz-weißen Kieselmosaike verbinden italienische, maurische und ägäische Motive zu einer Architektur, die es so nirgends sonst gibt. Nach Jahrzehnten des Verfalls wurde die Anlage zwischen 1999 und 2007 aufwendig restauriert und ist heute wieder zugänglich.

An der Nordspitze der Stadt entstand zwischen 1934 und 1937 das Aquarium mit dem hydrobiologischen Institut, ein Bau von Armando Bernabiti, in dem Meerwasser über Tunnel direkt aus dem Meer geleitet wurde; die Forschungseinrichtung arbeitet bis heute. Von demselben Architekten stammt der markante Sprungturm am Elli Beach, 1936–1938 errichtet, mit Plattform, Rutsche und Restaurantpavillon auf dem Wasser. Das Stück italienischer Strandmoderne prägt jede Postkarte der Stadt, ist aber seit Ende Juni 2026 wegen Einsturzgefahr gesperrt.

Die Mustersiedlungen auf dem Land

Außerhalb der Stadt verfolgte die Verwaltung ein zweites Programm: die ländliche Kolonisierung. Italienische Bauernfamilien sollten Brachland urbar machen, das Innere der Insel aufforsten und zugleich die demografische Präsenz Italiens stärken. Der Erfolg blieb bescheiden: 1936 zählte man im gesamten Dodekanes rund 16.700 Italiener, die meisten davon auf Rhodos und Leros, und viele davon Beamte, Soldaten und Bauarbeiter statt Siedler. Angelegt wurden die Dörfer trotzdem, nach einheitlichem Muster: eine gerade Hauptstraße, ein Platz mit Kirche, Schule, Ambulanz und Casa del Fascio, dahinter gleichförmige Hofstellen.

Das bekannteste Beispiel ist Kolymbia an der Ostküste, 1935 als San Benedetto gegründet und mit Familien aus der Toskana und aus Sardinien besiedelt. Von der Küstenstraße führt die schnurgerade, gut anderthalb Kilometer lange Eukalyptus-Allee hinunter zum Meer, die auffälligste erhaltene Geste der ganzen Siedlungspolitik. Den griechischen Namen Kolymbia trägt der Ort erst seit den 1960er-Jahren.

Im bewaldeten Inselinneren entstand 1935 Campochiaro, heute Eleousa, für Holzfäller und Sägewerker aus Norditalien: ein monumentaler Platz mit Brunnen und Arkaden, Wohnblöcke, ein Sanatorium. Die italienischen Familien verließen den Ort zwischen 1940 und 1947, und heute liegt die Anlage halb verlassen im Grün, einer der eigenartigsten Orte der Insel und ein häufiges Ziel für Fahrten in die Berge. Weiter im Süden, im Hinterland zwischen Apolakkia und Kattavia, blieb von der Siedlung Peveragno Rodio weniger übrig; ihre Kernbauten wurden nach dem Krieg von einer griechischen Militäranlage übernommen und sind nicht frei zugänglich. Das größte Projekt dieser Art lag ohnehin nicht auf Rhodos, sondern auf Leros: die Marinestadt Portolago, heute Lakki.

Nicht alles davon war Aufbauwerk. Ein Teil der großen Baustellen (Straßen, Stauanlagen, Militärbauten) entstand unter Einsatz griechischer Zwangs- und Pflichtarbeit, und die Zuteilung von Land an italienische Kolonisten ging zulasten der einheimischen Bevölkerung. Die Dörfer sind sehenswert; sie sind zugleich Anschauungsmaterial dafür, wie Siedlungspolitik als Herrschaftsinstrument funktioniert.

Archäologie und Rekonstruktion: was echt ist und was aus den 1930ern

Kein anderer Punkt ist für Besucher so wichtig und wird so selten erklärt. Die Italiener haben auf Rhodos in großem Stil ausgegraben, restauriert und wieder aufgerichtet. Vieles, was heute als „antik“ oder „mittelalterlich“ fotografiert wird, hat seine sichtbare Gestalt erst zwischen 1912 und 1943 bekommen. Das macht es nicht wertlos, im Gegenteil: Ohne diese Kampagnen wäre von den antiken Stätten der Insel wenig zu sehen. Aber der Unterschied gehört ins Bild.

Innerhalb der mittelalterlichen Mauern verfolgten die Italiener das Gegenprogramm zur Neustadt: nicht Neubau, sondern eine groß angelegte Rückführung auf die Ritterzeit. Osmanische An- und Umbauten, Holzerker und Zwischengeschosse wurden vielfach abgeräumt, die ritterzeitlichen Bauten restauriert oder rekonstruiert, die Ritterstraße auf ein einheitliches gotisches Bild gebracht. Wie tief diese Eingriffe gingen, beschreibt unser Beitrag zur Altstadt von Rhodos ausführlicher; die UNESCO wertet sie heute nüchtern als dauerhaften Bestandteil der Stadtgeschichte.

Das größte und umstrittenste Projekt war der Großmeisterpalast. Der mittelalterliche Bau war 1856 durch die Explosion eines Pulverdepots weitgehend zerstört worden und lag jahrzehntelang in Trümmern. Zwischen 1937 und 1940 ließ ihn die Verwaltung unter De Vecchi wieder errichten; die Planung lag bei Vittorio Mesturino, einem Fachmann für mittelalterliche Architektur, der auch an der Ritterstraße arbeitete. Vorgesehen war der Palast als Amtssitz und zugleich als Ferienresidenz für König Viktor Emanuel III. und für Mussolini. Genutzt wurde er so praktisch nie, denn die Fertigstellung fiel mit dem italienischen Kriegseintritt 1940 zusammen.

Was man heute betritt, ist über weite Strecken keine erhaltene Johanniterburg, sondern eine Rekonstruktion der 1930er-Jahre: repräsentativer, höher und monumentaler, als das Original gewesen sein dürfte, weil vom Inneren kaum Dokumentation existierte. Die antiken Bodenmosaiken in den Sälen stammen größtenteils nicht einmal aus Rhodos, sondern wurden auf der Nachbarinsel Kos ausgegraben und hierher verbracht. Die geläufige Erzählung von der „Sommerresidenz Mussolinis“ greift also zu kurz: Der Palast war Kulisse und Prestigeobjekt einer Kolonialmacht, kein bewohnter Herrschersitz.

Auf dem Stadtberg Monte Smith, der Akropolis von Rhodos, wird das Prinzip besonders greifbar. Italienische Archäologen legten ab 1912 das Stadion, das kleine Odeion und den Tempelbezirk frei. Die vier Säulen des Apollon-Tempels, das meistfotografierte Motiv des Hügels, sind das Ergebnis einer Anastylose unter Mario Paolini in den Jahren 1937/38: Originalblöcke aus früheren Grabungen wurden wieder aufgerichtet und mit modernem Material ergänzt. Antik ist das Material, neuzeitlich der Aufbau. Auch die Sitzstufen von Stadion und Odeion sind zu großen Teilen ergänzt.

Dasselbe gilt außerhalb der Stadt. In Kamiros gruben italienische Teams die dorische Stadt systematisch aus und legten das heutige Straßenraster frei; auf der Akropolis von Lindos setzten sie die Arbeit dänischer Ausgräber fort, sicherten die Johanniterburg und richteten Teile der hellenistischen Anlage wieder auf. Die auffälligen Säulenreihen sind dort allerdings überwiegend Ergebnis griechischer Restaurierungen seit den 1990er-Jahren. Und auch das Archäologische Museum ist ein Kind dieser Zeit: Die Italiener bauten das mittelalterliche Ritterhospital dafür um. Auf Filerimos richteten sie die Klosteranlage neu her, legten den steingepflasterten Kreuzweg mit seinen vierzehn Stationen an und errichteten 1934 ein großes Steinkreuz; das heutige Kreuz ist ein Nachbau von 1996.

Faustregel für antike Stätten auf Rhodos
Wo auf Rhodos aufrechte Säulen, geschlossene Mauerzüge oder saubere Sitzreihen zu sehen sind, steckt fast immer eine Restaurierung dahinter, meist italienisch aus den 1930er-Jahren, seltener griechisch aus den letzten drei Jahrzehnten. Unrestauriert sieht eine antike Stätte aus wie das Grabungsfeld von Kamiros: Fundamente, Schwellen, Kanäle. Beides ist echt, aber es erzählt Unterschiedliches.

Infrastruktur: Straßen, Wasser, Bäume

Weniger sichtbar, aber alltagsprägender als jedes Denkmal ist das Infrastrukturprogramm. Die Italiener zogen das erste durchgehende Straßennetz der Insel: die Küstenstraßen an Ost- und Westseite, die Verbindung über das Bergland und die Zufahrten zu den Ausgrabungsstätten. Der heutige Inselverkehr folgt in weiten Teilen diesen Trassen; auch die Fahrt von Rhodos-Stadt nach Lindos verläuft auf einer italienischen Planung. Zum Straßenbau gehörten die charakteristischen Eukalyptus- und Platanenalleen, gepflanzt zur Befestigung, Beschattung und Entwässerung sumpfiger Küstenabschnitte.

Ebenso folgenreich war die Wasserwirtschaft. Im Tal der Sieben Quellen entstand um 1931 ein kleiner Staudamm; das Wasser wird seither durch einen rund 186 Meter langen Tunnel unter dem Hügel hindurch in den See und weiter in die Bewässerungskanäle geführt, die die Felder der Siedlung San Benedetto, des heutigen Kolymbia, versorgen sollten. Der Tunnel ist heute eine Touristenattraktion; entstanden ist er als Landwirtschaftsprojekt. Vergleichbare Anlagen und Aufforstungen entstanden im ganzen Inselinneren.

Auch die Erholungslandschaft trägt italienische Handschrift. Der Rodini-Park südlich der Stadt, ein antikes Gräber- und Quellengelände, wurde in dieser Zeit als öffentlicher Landschaftspark mit Wegen, Brücken und Teichen ausgebaut, bis heute frei zugänglich und die schattigste Adresse der Stadt. Am Profitis Ilias im Inselinneren entstanden 1929 und 1930 die beiden Berghotels Elafos und Elafina („Hirsch“ und „Hirschkuh“) im alpenländischen Stil, gedacht als Sommerfrische für die italienische Verwaltung. Das Elafos ist nach langer Schließung wieder in Betrieb, das kleinere Elafina steht ungenutzt daneben. Und schließlich richteten die Italiener das Tal der Schmetterlinge mit Stegen und Brücken als Ausflugsziel her: Tourismus als Staatsaufgabe, lange bevor der Massentourismus kam.

Die dunklen Jahre: 1943 bis 1945

Mit dem italienischen Waffenstillstand vom 8. September 1943 brach die Kolonialordnung zusammen. Der Dodekanes wurde binnen Tagen zum Schlachtfeld zwischen deutschen, britischen und italienischen Truppen; die Wehrmacht setzte sich durch und besetzte Rhodos ab dem 11. September 1943. Die italienische Garnison wurde entwaffnet, ein Teil der Soldaten in deutsche Lager verschleppt. Bis zur Kapitulation in Europa hielten die Deutschen die Inseln; der letzte Befehlshaber, General Otto Wagener, ergab sich erst am 8. Mai 1945. Die Kriegsjahre brachten der Zivilbevölkerung Hunger, Zwangsarbeit und Bombardierungen; ein erheblicher Teil der Altstadtbebauung wurde durch alliierte Luftangriffe zerstört.

In diese Besatzungszeit fällt das dunkelste Kapitel. Die jüdische Gemeinde von Rhodos war eine der ältesten des Mittelmeers; vor dem Krieg lebten rund 6.000 Jüdinnen und Juden auf der Insel, von denen unter dem Druck der Rassengesetze von 1938 und des Krieges etwa zwei Drittel auswanderten. Am 23. Juli 1944 trieben die deutschen Behörden die verbliebenen 1.673 Menschen auf dem Platz im jüdischen Viertel zusammen. Die Verantwortung dafür liegt bei der deutschen Besatzung. Dass die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt bereits entrechtet, erfasst und wirtschaftlich ruiniert war, ist jedoch das Werk der italienischen Verwaltung der Jahre 1938 bis 1943.

Von dort führte der Weg über den Hafen und Piräus in das Lager Haidari und schließlich nach Auschwitz; unterwegs kamen rund hundert Jüdinnen und Juden von Kos hinzu. Nur etwa 150 Menschen aus Rhodos überlebten. Eine Ausnahme bewirkte der türkische Konsul Selahattin Ülkümen, der 42 Personen rettete, indem er sie als türkische Staatsangehörige reklamierte. Heute erinnert der Platz der jüdischen Märtyrer in der Altstadt an die Deportation, ein Gedenkort mitten im Besucherstrom, dem ein stiller Moment eher gerecht wird als ein schneller Fotostopp.

Eine Verbindung, die man kennen sollte
Die schöne Fassade und das Verbrechen hängen enger zusammen, als es scheint: Unter De Vecchi musste die jüdische Gemeinde in den späten 1930er-Jahren ihren historischen Friedhof räumen, und Grabsteine ihrer Vorfahren wurden ab 1938 als Baumaterial beim Wiederaufbau des Großmeisterpalasts verwendet. Der Repräsentationsbau und die Entrechtung der jüdischen Gemeinde sind Teil derselben Herrschaft.

Vom Kriegsende zur Angliederung 1947/48

Nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 kam der Dodekanes unter britische Militärverwaltung. Zwei Jahre lang regierten britische Offiziere die Inseln, versorgten eine ausgehungerte Bevölkerung und bereiteten die Übergabe vor; ab 1946 arbeitete eine griechisch-britische Verwaltung parallel. Die verbliebenen italienischen Siedlerfamilien verließen die Insel in diesen Jahren, die letzten 1947.

Die endgültige Entscheidung fiel mit dem Pariser Friedensvertrag zwischen Italien und den Alliierten, unterzeichnet am 10. Februar 1947 und in Kraft getreten am 15. September 1947. Sein Artikel 14 übertrug die italienischen Inseln der Ägäis an Griechenland und legte zugleich fest, dass sie entmilitarisiert bleiben sollten. Am 31. März 1947 übernahm eine griechische Militärverwaltung, und mit dem Gesetz vom 7. März 1948 wurden der Dodekanes und damit Rhodos förmlich Teil des griechischen Staates, die letzte große Gebietserweiterung des modernen Griechenlands.

Damit war die italienische Episode auch rechtlich abgeschlossen; faktisch hatte sie schon 1943 geendet. Was blieb, ist eine ganze Stadt: die Neustadt am Mandraki, viele der heutigen Hauptstraßen, zentrale Verwaltungsgebäude, die rekonstruierte Altstadt und mehrere der bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Griechenland hat dieses Erbe zunächst mit Distanz behandelt, faschistische Symbole entfernt und Straßen umbenannt; erst seit den 1990er-Jahren wird die Substanz systematisch denkmalpflegerisch betreut, die Restaurierung der Kallithea-Therme ist dafür das beste Beispiel. Wie aus der jungen Provinz die moderne Tourismusinsel wurde, erzählt der nächste Teil dieser Reihe.

Was heute davon zu sehen ist

Die italienische Zeit lässt sich auf Rhodos gut an einem einzigen Reisetag abfahren, und das meiste davon kostet wenig oder nichts.

  • Großmeisterpalast: Eintritt 20 €, das Hauptstück des Rekonstruktionsprogramms von 1937–40. Ein Kombiticket für vier Stätten ist amtlich gelistet (Archäologisches Museum, Sammlung dekorativer Kunst, die Kirche Panagia tou Kastrou in der Altstadt und Großmeisterpalast), die Preisangaben dazu sind aber widersprüchlich; am Schalter fragen.
  • Archäologisches Museum: 10 €, im von den Italienern hergerichteten Ritterhospital; hier liegen viele Funde der italienischen Grabungen.
  • Akropolis auf dem Monte Smith: frei zugänglich, ohne Zaun und Öffnungszeiten. Die Apollon-Säulen sind die Anastylose von 1937/38.
  • Rodini-Park: frei zugänglich, italienisch gestalteter Landschaftspark am Stadtrand.
  • Kallithea-Therme: 5 € von Mai bis Oktober, 3 € von November bis April; Lombardis Kuranlage von 1929, restauriert 1999–2007.
  • Aquarium an der Nordspitze: 7 €, ermäßigt 5 € (5 bis 18 Jahre), Kinder bis 4 Jahre frei; im Sommer 9 bis 20 Uhr, im Winter 9 bis 16 Uhr. Der Bau selbst ist so sehenswert wie die Becken.
  • Nea Agora und Mandraki-Boulevards: kostenlos. In der Markthalle stehen heute Cafés, Tavernen und Souvenirläden; der Bau ist sichtbar in die Jahre gekommen, das Ensemble am Hafen aber intakt.
  • Kolymbia: die Eukalyptus-Allee der Siedlung San Benedetto von 1935, dazu der Stausee im Tal der Sieben Quellen mit dem 186 Meter langen Tunnel.
  • Profitis Ilias: die Berghotels Elafos (1929, wieder in Betrieb) und Elafina (1930, ungenutzt) im Wald, ein kurzer Stopp auf jeder Bergrunde.

Der Sprungturm am Elli Beach ist seit Ende Juni 2026 wegen Einsturzgefahr gesperrt und war zuletzt nur von außen zu sehen (Stand September 2026); ein Termin für eine Sanierung ist nicht bekannt. Ab 1. November gelten an Palast und Museum Winterzeiten (8:30 bis 15:30 Uhr, dienstags geschlossen), dafür ist der Eintritt dort von November bis März am ersten und dritten Sonntag jedes Monats frei. Alle Preise und Zeiten: Stand September 2026.

Wie man die italienische Schicht erkennt

Mit ein paar Merkmalen lässt sich die Epoche fast überall auf der Insel identifizieren. In der Neustadt: symmetrische Achsen, Arkaden und Kolonnaden, helle Stein- und Putzflächen, Rundbögen über Erdgeschossöffnungen, dazu in der Spätphase glatte Wände, klare Kanten und lateinische Inschriften in Großbuchstaben. In der Altstadt: auffällig gleichmäßiges Mauerwerk, gotische Fensterformen in Serie, freigeräumte Plätze vor Bauten, die im Mittelalter dicht bebaut waren.

Auf dem Land: schnurgerade Alleen mit gleichaltrigen Eukalyptus- oder Platanenreihen, rechtwinklige Dorfgrundrisse mit einem großen, überdimensionierten Platz, Betonbrunnen, Bewässerungskanäle in Sichtbeton. An antiken Stätten: aufgerichtete Säulen mit erkennbar ergänzten Zwischenstücken, ergänzte Sitzstufen, moderne Verfugungen zwischen antiken Blöcken.

Mit diesem Blick tauchen die drei Jahrzehnte überall auf, und es wird verständlicher, warum Rhodos anders aussieht als andere griechische Inseln. Das Erbe ist ansehnlich und darf es sein; es stammt aber aus einer Kolonialherrschaft, die Sprache, Kirche und Rechte der Inselbewohner beschnitten hat. Beim Spaziergang gehört beides zugleich in den Blick.

Quellen & Stand
Geprüft September 2026. Herrschaftsgeschichte (Besetzung 1912, Vertrag von Lausanne 1923, Gouverneure Lago 1923–1936 und De Vecchi 1936–1940, Italianisierung, Siedlungspolitik, Kriegsende) nach der englischsprachigen Wikipedia „Italian Islands of the Aegean“ und „Mario Lago“; Landung am 4. Mai 1912, kurzes Gefecht bei Psinthos am 15. Mai und Kapitulation der osmanischen Garnison am 16. Mai (griechische Darstellungen: 17. Mai) 1912 nach „Battle of Rhodes (1912)“ und griechischsprachiger Überblicksliteratur; die Verlustangaben reichen von gut 80 bis rund 300 osmanischen Gefallenen. Bauprogramm, Foro Italico und Stadtplan 1926 nach „Florestano Di Fausto“ und „Rhodes (city)“; Wiederaufbau des Großmeisterpalasts 1937–40 unter Vittorio Mesturino nach „Palace of the Grand Master of the Knights of Rhodes“; Anastylose am Apollon-Tempel unter Mario Paolini 1937/38 nach Darstellungen zur Akropolis von Rhodos. Kallithea-Therme (Entwurf Pietro Lombardi ab 1928, Eröffnung 1. Juli 1929, Restaurierung 1999–2007) nach der Betreiberdarstellung und cityofrhodes.com; Mustersiedlungen San Benedetto/Kolymbia 1935 und Campochiaro/Eleousa 1935 sowie Peveragno Rodio nach lokalen Ortsdarstellungen; Berghotels Elafos 1929 und Elafina 1930 nach rhodesguide.com. Deportation der jüdischen Gemeinde (23. Juli 1944, 1.673 Menschen, Auschwitz, rund 150 Überlebende, Konsul Ülkümen) nach „History of the Jews in Rhodes“; Friedhofsräumung und Verwendung der Grabsteine unter De Vecchi ab 1938 nach Angaben der Jewish Community of Rhodes (jewishrhodes.org); Pariser Friedensvertrag (10. Februar 1947, Artikel 14) und Angliederung 1948 nach „Treaty of Paris between Italy and the Allied Powers“ und Britannica „Rhodes“. Besuchsinfos Stand September 2026: Großmeisterpalast 20 €, Archäologisches Museum 10 € sowie Winterzeiten nach dem Kulturministerium (odysseus.culture.gr), freie Sonntage nach dem Ministerialerlass ΚΥΑ 117624/2024; Kallithea-Therme 5 € bzw. 3 € nach dem Betreiber; Aquarium 7 €, ermäßigt 5 €, nach der Preisliste des HCMR ab Juni 2026; Sperrung des Sprungturms seit Ende Juni 2026 nach dimokratiki.gr (Juni und August 2026) und Ta Nea (August 2026). Kombiticket („Special ticket package“, obj_id 6301) laut odysseus.culture.gr für vier Stätten gelistet („Medieval Town of Rhodes“ ist dort nur die Ortsangabe der Panagia tou Kastrou), Preis dort uneinheitlich angegeben (geprüft Oktober 2026). Einzelne Datierungen schwanken zwischen den Quellen, besonders bei den Kolonistendörfern; historische Wertungen bleiben Gegenstand der Forschung.