Wer am Mandraki-Hafen die breiten Boulevards entlanggeht — vorbei an arkadengesäumten Verwaltungsbauten, an der Markthalle und am Gouverneurspalast —, bewegt sich nicht durch das mittelalterliche und auch nicht durch das osmanische Rhodos. Er bewegt sich durch die kürzeste und zugleich folgenreichste Bauphase der Insel: die italienische Herrschaft von 1912 bis 1943. In diesen gut drei Jahrzehnten wurde am sichtbaren Stadtbild von Rhodos-Stadt mehr verändert als in den rund vier Jahrhunderten der osmanischen Zeit davor.
Diese Epoche ist überall gegenwärtig — und sie ist alles andere als harmlos. Sie war Kolonialherrschaft mit Italianisierungsdruck, Symbolpolitik und, ab 1938, den faschistischen Rassengesetzen. Wer Rhodos heute besucht, läuft fast unweigerlich auf Wegen, die in dieser Zeit gezogen wurden; eine ehrliche Einordnung gehört deshalb dazu.
Wie Rhodos italienisch wurde
Rhodos geriet 1912 fast nebenbei unter italienische Kontrolle. Im Italienisch-Türkischen Krieg, in dem es eigentlich um Libyen ging, besetzte Italien im Frühjahr und Frühsommer 1912 Rhodos und die übrigen Inseln des Dodekanes — ein Druckmittel gegen den osmanischen Sultan. Die Besetzung war als vorübergehend gedacht. Im Friedensvertrag von Ouchy versprach Italien noch 1912 die Rückgabe; die unklare Formulierung erlaubte jedoch eine „provisorische“ Verwaltung, die nie endete.
Erst der Vertrag von Lausanne machte aus dem Provisorium dauerhaftes Recht: 1923 verzichtete die Türkei in Artikel 15 endgültig auf den Dodekanes, und Italien gliederte die Inseln am 24. Juli 1923 als Possedimenti Italiani dell'Egeo förmlich ein. Damit war Rhodos rechtlich italienisch — bis zur deutschen Besetzung im September 1943 und, völkerrechtlich, bis zur Übergabe an Griechenland 1947.
Politisch zerfällt die Zeit in zwei sehr unterschiedliche Hälften, ablesbar an ihren Gouverneuren. Mario Lago, ab 1923 erster ziviler Gouverneur und ein liberaler Diplomat, setzte auf ein vorsichtiges Nebeneinander der Bevölkerungsgruppen — Griechen, Türken, Juden und der zugewanderten Italiener — und auf eine weiche Strategie der Integration. Sein Nachfolger Cesare Maria De Vecchi (1936–1940), ein hochrangiger Funktionär des faschistischen Regimes, brach damit und trieb eine harte Italianisierung voran. Beide Phasen haben das Stadtbild geprägt, und beide sind in ihrer Bewertung schwierig.
Die Stadt am Mandraki: das Foro Italico
Anders als die Osmanen, die im Wesentlichen innerhalb der Stadtmauern geblieben waren, planten die Italiener eine eigene, neue Stadt direkt vor den Toren der Altstadt. Schlüsselfigur war der Architekt Florestano Di Fausto, oft als „Vater des italienischen Rhodos“ bezeichnet. Sein Stadtplan, fertiggestellt am 29. Januar 1926, schonte den mittelalterlichen Mauerring fast vollständig und legte die Neustadt als gartenstadtartiges Quartier südlich des Westufers des Mandraki-Hafens an. Die Hauptachse dieser Neustadt erhielt einen programmatischen Namen: Foro Italico.
Entlang dieser Achse und am Hafen reihte Di Fausto die Repräsentationsbauten der Kolonie. Stilistisch ist das eine bewusste Mischung — Anleihen bei byzantinischer, osmanischer, venezianischer, römischer und ritterlicher Architektur, die das italienische Schlagwort mediterraneità (Mittelmeerlichkeit) in Stein übersetzen sollte: Die Kolonie sollte als natürliche Fortsetzung einer lateinisch-mediterranen Tradition erscheinen, in die sich auch die vielfältige Bevölkerung einfügte.
Die wichtigsten Bauten stehen bis heute. Der Gouverneurspalast (Palazzo del Governo, 1926) zitiert mit seiner weiß-rosa Steinfassade offen den Dogenpalast in Venedig und beherbergt heute die Präfektur des Dodekanes. Daneben entstanden das neorenaissancehafte Postgebäude (1927) und die Markthalle (Nea Agora, Mercato Nuovo), ein vieleckiger Bau mit deutlich orientalischem Einschlag im Zentrum der Neustadt. Die katholische Kathedrale San Giovanni (1924/25, heute die orthodoxe Evangelismos-Kirche) rekonstruierte nach alten Stichen die 1856 zerstörte Ordenskirche der Altstadt.
Eine eigene Geschichte erzählt das Grande Albergo delle Rose (1927, heute Kasino), das Di Fausto mit Michele Platania errichtete: ein eklektischer Luxusbau, dessen Art-déco-Schmuck Ende der 1930er-Jahre unter De Vecchi wieder „gereinigt“ wurde — ein gutes Beispiel dafür, wie der spätere, härtere Faschismus seine eigene frühe, verspieltere Phase überschrieb. In dieselbe Spätzeit gehören das Teatro Puccini (1937, rund 1.200 Plätze, heute Nationaltheater) und die Casa del Fascio (1939, heute Rathaus) in nüchtern-monumentaler Rationalismo-Sprache.
Wiederaufbau der Ritterstadt
Innerhalb der mittelalterlichen Mauern verfolgten die Italiener das umgekehrte Programm: nicht Neubau, sondern eine groß angelegte Rückführung auf die Ritterzeit. Osmanische An- und Umbauten wurden vielfach abgeräumt, die ritterzeitlichen Bauten restauriert oder rekonstruiert. Wie tief diese Eingriffe gingen, beschreibt unser Beitrag zur Altstadt von Rhodos ausführlicher; die UNESCO wertet sie heute nüchtern als dauerhaften Bestandteil der Stadtgeschichte.
Das größte und umstrittenste Projekt war der Großmeisterpalast. Der mittelalterliche Bau war 1856 durch die Explosion eines Pulverdepots weitgehend zerstört worden und lag jahrzehntelang in Trümmern. Zwischen 1937 und 1940 ließ ihn die italienische Verwaltung unter De Vecchi wieder errichten — als Amts- und Repräsentationssitz, zugleich vorgesehen als Ferienresidenz für König Viktor Emanuel III. und für Mussolini. Genutzt wurde er in dieser Funktion praktisch nicht: Die Fertigstellung fiel mit dem italienischen Kriegseintritt 1940 zusammen.
Wichtig für das Verständnis vor Ort: Was man heute betritt, ist über weite Strecken keine erhaltene Johanniterburg, sondern eine Rekonstruktion der 1930er-Jahre — repräsentativer und monumentaler, als das Original gewesen sein dürfte, weil vom Inneren kaum Dokumentation existierte. Die antiken Bodenmosaiken in den Sälen stammen größtenteils nicht einmal aus Rhodos, sondern wurden auf der Nachbarinsel Kos ausgegraben und hierher verbracht. Die geläufige Erzählung von der „Sommerresidenz Mussolinis“ greift also zu kurz: Der Palast war Kulisse und Prestigeobjekt einer Kolonialmacht, kein bewohnter Herrschersitz.
Über den Großmeisterpalast hinaus reicht das italienische Erbe weit in die Insel. Auf dem Klosterhügel Filerimos richteten die Italiener die Anlage als Franziskanerkloster her, legten den steingepflasterten Kreuzweg mit seinen vierzehn Stationen an und errichteten 1934 ein großes Steinkreuz (das heutige Kreuz ist ein Nachbau von 1996). Über die Insel verteilt entstanden zudem ein orientalisierender Kurkomplex bei Kallithea, restaurierte antike Bauten, neue Straßen und die moderne Ringstraße. Der Antrieb war oft mehr als Erholung oder Infrastruktur: Gezielte archäologische Kampagnen sollten römische Funde zutage fördern und damit den Anspruch untermauern, Rhodes kehre nur in seinen „angestammten“ italienischen Schoß zurück.
Italianisierung des Alltags
Hinter den Fassaden lief eine Politik, die den Alltag der Inselbevölkerung umformen sollte. Unter Lago blieb sie noch zurückhaltend — er duldete gewählte Bürgermeister, förderte Stipendien an der Universität Pisa und warb für ein Miteinander; einzig gegenüber der griechisch-orthodoxen Kirche, deren Einfluss er durch den Versuch einer eigenständigen Dodekanes-Kirche zu beschneiden suchte, war er unnachgiebig.
Unter De Vecchi verschärfte sich der Kurs drastisch. Italienisch wurde ab Mitte der 1930er-Jahre zur Pflichtsprache in Schule und öffentlichem Leben, Griechisch nur noch Wahlfach. 1937 ersetzte ein ernannter podestà in jeder Gemeinde die gewählten Bürgermeister, faschistische Jugendorganisationen wie die Opera Nazionale Balilla kamen auf die Inseln, und die Italianisierung von Namen wurde betrieben. 1938 wurden schließlich die italienischen Rassengesetze auf den Dodekanes übertragen.
Begleitet wurde all das von dem Versuch, italienische Siedler ins Land zu bringen — mit begrenztem Erfolg. 1936 zählte man rund 16.700 Italiener im gesamten Dodekanes, die meisten auf Rhodos und Leros. Eigens geplante Kolonistendörfer wurden angelegt, etwa San Benedetto (heute Kolympia) 1938 auf Rhodos oder die Mustersiedlung Portolago (heute Lakki) auf Leros. Manche Großbaustelle entstand unter Einsatz griechischer Zwangsarbeit. Zugleich vermaßen die Italiener die Inseln erstmals systematisch und legten den Grundstein für den Massentourismus, von dem Rhodos bis heute lebt.
Krieg, Besatzung und Deportation
Mit dem italienischen Waffenstillstand vom 8. September 1943 brach die Kolonialordnung zusammen. Der Dodekanes wurde kurzzeitig zum Schlachtfeld zwischen deutschen, britischen und italienischen Truppen; die Deutschen setzten sich durch und besetzten Rhodos ab dem 11. September 1943. Bis zur Kapitulation in Europa hielten sie die Inseln — der letzte deutsche Befehlshaber ergab sich erst am 8. Mai 1945.
In diese Besatzungszeit fällt das dunkelste Kapitel. Die jüdische Gemeinde von Rhodos war eine der ältesten des Mittelmeers; vor dem Krieg lebten rund 6.000 Jüdinnen und Juden auf der Insel, von denen unter dem Druck der Rassengesetze und des Krieges etwa zwei Drittel auswanderten. Am 23. Juli 1944 trieben die deutschen Behörden die verbliebenen 1.673 Menschen auf dem Platz im jüdischen Viertel zusammen.
Von dort führte der Weg über den Hafen und Piräus in das Lager Haidari und schließlich nach Auschwitz; unterwegs kamen rund hundert Jüdinnen und Juden von Kos hinzu. Nur etwa 150 Menschen aus Rhodos überlebten. Eine Ausnahme bewirkte der türkische Konsul Selahattin Ülkümen, der 42 Personen rettete, indem er sie als türkische Staatsangehörige reklamierte. Heute erinnert der Platz der jüdischen Märtyrer in der Altstadt an die Deportation — ein Gedenkort mitten im Besucherstrom, dem ein stiller Moment eher gerecht wird als ein schneller Fotostopp.
Der Weg zu Griechenland 1947
Nach dem Kriegsende kam der Dodekanes zunächst unter britische Militärverwaltung. Die endgültige Entscheidung fiel mit dem Pariser Friedensvertrag zwischen Italien und den Alliierten, unterzeichnet am 10. Februar 1947 und in Kraft getreten am 15. September 1947. Sein Artikel 14 übertrug die italienischen Inseln der Ägäis an Griechenland und legte zugleich fest, dass sie entmilitarisiert bleiben sollten. Die formelle Eingliederung in den griechischen Staat folgte 1948 — die letzte große Gebietserweiterung des modernen Griechenlands.
Politisch endete damit die italienische Episode nach 31 Jahren. Was blieb, ist eine ganze Stadt: die Neustadt am Mandraki, viele der heutigen Hauptstraßen, zentrale Verwaltungsgebäude, die rekonstruierte Altstadt und mehrere der bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Wer heute in der Altstadt übernachtet, in Mandraki frühstückt oder durch den Großmeisterpalast geht, bewegt sich auf einem italienischen Drehbuch — ein Erbe, das man genießen und zugleich kritisch lesen kann. Wie aus der jungen Provinz die moderne Tourismusinsel wurde, erzählt der nächste Teil dieser Reihe.









