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Geschichte

Die italienische Zeit: Wie Rhodos sein heutiges Gesicht bekam

Zwischen 1912 und 1943 war Rhodos italienische Kolonie. In diesen drei Jahrzehnten wurde mehr am sichtbaren Stadtbild verändert als in den 400 Jahren davor.

9 Min. LesezeitAktualisiert 14. April 2025

Wer am Mandraki-Hafen die breiten Boulevards entlanggeht, an den arkadenbestandenen Verwaltungsbauten vorbei, am Markthallengebäude und am Aquarium, bewegt sich nicht durch das mittelalterliche oder das osmanische Rhodos. Man bewegt sich durch die kürzeste, intensivste und politisch komplexeste Bauphase der Insel: die italienische Kolonialzeit von 1912 bis 1943. In diesen 31 Jahren wurde mehr am sichtbaren Gesicht von Rhodos-Stadt verändert als in den vier Jahrhunderten osmanischer Herrschaft davor.

1912: Eine Insel als Nebenprodukt eines Krieges

Italien besetzte Rhodos und die übrigen Inseln des Dodekanes 1912 im Verlauf des Italienisch-Türkischen Krieges, eigentlich um den osmanischen Sultan in Libyen unter Druck zu setzen. Die Besetzung war als vorübergehend gedacht — sie dauerte 31 Jahre. Mit dem Vertrag von Lausanne (1923) wurde Rhodos formal italienisches Territorium und blieb es bis zur deutschen Besetzung im September 1943, mit der die italienische Phase abrupt endete.

Politisch lässt sich die Zeit grob in zwei Hälften teilen: die liberale Phase bis Mitte der 1920er Jahre und die faschistische Phase ab 1923 unter wechselnden Gouverneuren, am prägendsten Mario Lago (1923–1936) und Cesare Maria De Vecchi (1936–1940). Beide Phasen sind im Stadtbild lesbar — und beide sind in ihrer Bewertung schwierig.

Mandraki und die Neustadt: eine Kolonie als Schaufenster

Anders als die Osmanen, die innerhalb der Stadtmauern blieben, planten die Italiener eine eigene Stadt direkt vor den Toren der Altstadt. Das Quartier rund um den Mandraki-Hafen wurde innerhalb weniger Jahre zur repräsentativen Kulisse italienischer Verwaltung: das Gouverneurspalais, das Postgebäude, die Bank von Italien, das Theater, die Markthalle (Nea Agora), das Aquarium am Nordende der Insel.

Stilistisch ist das eine bewusste Mischung. Die frühen Bauten orientieren sich an einem mediterranen Eklektizismus, der Anleihen bei venezianischer, gotischer und maurischer Architektur nimmt — der Versuch, die Kolonie als „natürliche“ Fortsetzung der lateinischen Mittelmeertradition darzustellen. Ab Mitte der 1930er, unter De Vecchi, weicht das einer kühlen, monumentalen Razionalismo-Sprache: glatte Steinflächen, klare Achsen, faschistische Symbolik. Beide Schichten stehen in Mandraki direkt nebeneinander.

Die Altstadt: Rekonstruktion als Politik

Innerhalb der mittelalterlichen Mauern verfolgten die Italiener ein gegenteiliges Programm: Statt Neubau betrieben sie eine groß angelegte Rückführung auf den Zustand der Johanniterzeit. Osmanische Anbauten wurden entfernt, byzantinische Schichten teilweise freigelegt, vor allem aber die ritterzeitlichen Bauten rekonstruiert — am sichtbarsten der Großmeisterpalast, der nach einer Pulverexplosion von 1856 in Trümmern lag und unter den Italienern in den 1930er Jahren komplett wiederaufgebaut wurde.

Die Rekonstruktion folgte mittelalterlichen Plänen, integrierte aber bewusst Elemente, die für eine Sommerresidenz König Viktor Emanuels III. und Mussolinis vorgesehen waren — Marmorböden aus römischen Villen in Kos, große Staatssäle, eine repräsentative Eingangstreppe. Was man heute betritt, ist deshalb keine ehrliche Mittelalter-Anlage, sondern eine sorgfältig kuratierte Interpretation des Mittelalters durch eine Kolonialmacht der 1930er.

Kallithea, Filerimos und die Inselprojekte

Die italienische Bautätigkeit beschränkte sich nicht auf die Hauptstadt. Über die Insel verteilt entstanden Projekte, die teils Erholung, teils Symbolpolitik, teils Infrastruktur waren:

  • Kallithea-Thermen (1929, Architekt Pietro Lombardi): ein orientalisierender Kurkomplex über einer kleinen Bucht, mit Mosaiken, Rotunde und Pavillons. Heute eines der fotogensten Ensembles der Insel — und ein klassisches Beispiel italienischer Mediterraneità.
  • Filerimos: Restaurierung des byzantinischen Klosters, Neuanlage des Kreuzwegs und Errichtung des großen Steinkreuzes auf dem Berg — ein bewusst religiös aufgeladenes Pilger- und Gedächtnisprojekt.
  • Rodini-Park am Rand der Stadt: einer der ältesten landschaftlich gestalteten Parks Europas, von den Italienern als öffentliche Anlage neu interpretiert.
  • Eleousa im Inselinneren: ein komplett neu angelegtes Berg-„Modelldorf“ (Campochiaro) mit faschistischer Achsensymmetrie, heute weitgehend verlassen.
  • Straßenbau: Die Ringstraße um die Insel und die Verbindung Rhodos-Stadt → Lindos in ihrer modernen Trassenführung sind italienische Infrastruktur.

Eine schwierige Bilanz

Die italienische Zeit ist historisch nicht harmlos. Sie war Kolonialherrschaft mit den dazugehörigen Mechanismen: Italianisierungspolitik in Schule und Verwaltung, Druck auf die griechische Sprache und die orthodoxe Kirche, ab 1938 die Anwendung der italienischen Rassengesetze auf den Dodekanes, die die jüdische Gemeinde von Rhodos massiv trafen. Nach der deutschen Übernahme im September 1943 wurde die jüdische Bevölkerung der Insel — rund 1.673 Menschen — im Juli 1944 nach Auschwitz deportiert; nur etwa 150 überlebten.

Gleichzeitig hinterließ die Epoche ein bauliches und planerisches Erbe, ohne das Rhodos heute nicht funktionieren würde: die Neustadt, die meisten heutigen Hauptstraßen, viele der zentralen Verwaltungsgebäude, die rekonstruierte Altstadt, mehrere der bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Die Insel lebt — buchstäblich — bis heute in den Grundrissen, die in dieser Zeit gezogen wurden.

Was 1947 blieb

Mit dem Pariser Friedensvertrag von 1947 wurden Rhodos und der gesamte Dodekanes Griechenland zugeschlagen — die letzte größere Gebietserweiterung des modernen griechischen Staates. Politisch endete damit die italienische Episode. Architektonisch und stadtplanerisch ist sie aber die Schicht, durch die der heutige Tourismus auf Rhodos überhaupt erst funktioniert: Wer in der Altstadt übernachtet, in Mandraki frühstückt, durch den Großmeisterpalast geht oder zu den Kallithea-Thermen schwimmt, läuft auf einem italienischen Drehbuch.