Lachania liegt rund 75 Kilometer südlich von Rhodos-Stadt in den Hügeln über der Südostküste, dort, wo die Insel dünn besiedelt wird und der Tourismus, der die Küste weiter nördlich prägt, praktisch aufhört. Vielen gilt es als das schönste Dorf im Süden von Rhodos, und es ist für die meisten eine Überraschung: weiß getünchte Häuser an schmalen Gassen, eine Platia unter Platanen und eine Ruhe, die man auf der Insel sonst lange suchen muss.
Hierher fährt man nicht wegen einer einzelnen Sehenswürdigkeit, sondern wegen eines Zustands. Lachania gehört zu den wenigen Orten, die ihren Alltag behalten haben: kein Hotelblock, keine Souvenirzeile, kein Programm. Das macht den Abstecher auf jeder Fahrt in den Süden wert.
Das Dorf: weiße Häuser, Gärten, Wasser
Das Ortsbild ist erstaunlich intakt: niedrige weiße Häuser mit blau gestrichenen Türen und Fensterläden, Ziegeldächer, steinerne Türrahmen mit behauenen Gewänden, dazwischen Bougainvillea an den Mauern. Das Dorf zieht sich über mehrere Hügel und ein kleines Flusstal, deshalb wirkt es größer, als die Einwohnerzahl vermuten lässt, und deshalb geht es in Lachania ständig bergauf und bergab. Am Ortsrand steht eine alte Windmühle, im Dorf wurde die historische Ölpresse, die Magana, restauriert. Lachania war immer ein Bauerndorf, und es ist eines geblieben: Gemüsegärten, Olivenbäume, Zitrusbäume und ein Wasserreichtum, der im trockenen Süden der Insel alles andere als selbstverständlich ist.
Offiziell ist das Dorf klein geworden: Die Volkszählung 2021 zählte noch 139 ständige Einwohner, ältere Beschreibungen sprechen von gut 300. Damit teilt Lachania das Schicksal vieler Dörfer im Süden, zwischen denen Hügel, Felder und viel leere Straße liegen.
Die Künstlergeschichte und was davon heute zu sehen ist
Dass Lachania nicht verfallen ist, hat einen konkreten Grund. Mitte der 1980er-Jahre war der Ort fast entvölkert; die jungen Leute waren nach Rhodos-Stadt, nach Athen oder ins Ausland gegangen, die alten Steinhäuser standen leer. In diese Lücke kamen Zugezogene aus Nord- und Mitteleuropa: Aussteiger, dazu Maler, Bildhauer, Musiker und Schriftsteller, ein spürbarer Anteil davon deutschsprachig. Sie kauften die leeren Häuser günstig, richteten sie her und blieben, teils dauerhaft, teils saisonal. Ihnen ist es zu verdanken, dass Lachania heute frisch gekalkte Fassaden und neue Holztüren zeigt statt eingestürzter Dächer.
Ein lebendiges Künstlerviertel ist daraus allerdings nicht geworden, das Etikett ist überzeichnet. Ateliers mit festen Öffnungszeiten gibt es nicht; gearbeitet wird privat, und ob gerade jemand eine Tür offen stehen hat, ist Zufall. Sichtbar ist die Geschichte vor allem an der Bausubstanz, an gelegentlichen Skulpturen, Keramiken oder bemalten Details in Gärten und an Mauern und an einem kleinen Laden, in dem statt Souvenirs Handgemachtes liegt, wenn er denn geöffnet hat. „Künstlerdorf“ meint hier also: ein Dorf, das durch Zuzug gerettet wurde, keine Kunstmeile. Eine Nebenwirkung des Zuzugs: Ein Teil der schönsten Häuser steht einen Großteil des Jahres leer, im Winter ist Lachania dadurch noch stiller, als es im Sommer schon wirkt.
Die Platia und die Brunnen
Das Zentrum von Lachania ist seine Platia, und sie ist der Grund, warum viele den Umweg zweimal machen: ein kleiner, abschüssiger Platz im Schatten mächtiger Platanen, dazu die Brunnen und steinernen Wassertröge, für die das Dorf bekannt ist. Der Platz liegt nicht am Ortseingang, sondern unterhalb davon: Man folgt im Dorf der Beschilderung zur Taverne bergab und steht plötzlich davor.
Das Wasser ist keine Dekoration, sondern der historische Kern des Orts: Lachania hatte, anders als weite Teile des trockenen Südens, immer ergiebige Quellen, und die Brunnen am Platz sind gefasste Quellaustritte. In unmittelbarer Nähe der Kirche liegen Reste eines Bewässerungssystems aus osmanischer Zeit mit der zugehörigen Quelle; die Platane, die dort Schatten wirft, wird auf rund 300 Jahre geschätzt. Zusammen mit den weiß gekalkten Häusern ringsum ergibt das ein Bild, das ohne Zutun funktioniert. Für Besucher hergerichtet wurde hier nichts, es ist einfach stehen geblieben.
Kirchen und Kapellen
Die Dorfkirche direkt an der Platia ist dem heiligen Georg geweiht (Agios Georgios). Sie wurde nach der verbreitetsten Datierung 1760 über den Resten eines frühchristlichen Baus errichtet; einzelne Quellen setzen den heutigen Bau ins 19. Jahrhundert, was sich mit späteren Umbauten decken dürfte. Bemerkenswert ist das Innere: ein kreuzförmiger Taufstein aus dem 6. Jahrhundert, aus einem einzigen Steinblock gearbeitet und damit deutlich älter als die Kirche selbst. Zum Ort gehört außerdem eine Reihe kleinerer Kirchen, darunter Agios Ioannis Prodromos (Johannes der Täufer, 19. Jahrhundert) und Agios Loukas.
Vor dem Dorf lohnen zwei ältere Bauten den kurzen Halt: die Friedhofskirche Agia Irini aus dem 16. Jahrhundert am Ortseingang und die byzantinische Kapelle Agios Thomas aus dem 14. Jahrhundert, die kurz hinter dem Dorf in einem Nadelwäldchen über den Resten eines älteren Heiligtums steht. Offene Türen sind bei den Kapellen die Ausnahme; um hineinzusehen, fragt man am besten in der Taverne nach.
Essen, Einkehr und Einkaufen
Gastronomisch ist Lachania überschaubar, und das ist Teil des Reizes. An der Platia liegt neben der Kirche die Taverne unter der Platane, die den Platz seit Jahren prägt: bodenständige Küche, Gemüse aus der Umgebung, Ziege und Lamm, dazu ein paar Meze. Im oberen Dorfteil führt die Familie des Dorfpriesters eine zweite, noch kleinere Taverne. Mehr ist es in der Regel nicht; je nach Saison kommt ein Kafenio oder eine dritte Adresse dazu oder fällt weg.
Feste Öffnungszeiten sollte man nicht erwarten. In der Hauptsaison ist mittags und abends verlässlich etwas offen, in der Nebensaison hängt es am Wetter und an der Gästezahl, und zwischen November und März kann es passieren, dass gar nichts aufhat. Vor einem Abendbesuch hilft ein Anruf oder eine Nachfrage tagsüber im Dorf. Zum Einkaufen gibt es einen Mini-Markt für das Nötigste: Wasser, Brot, Konserven, Obst. Alles darüber hinaus holt man sich in Gennadi an der Küstenstraße, rund acht Kilometer entfernt (über die Abzweigung sind es gut zwölf Kilometer Fahrstrecke, keine Viertelstunde): Bäcker, Supermärkte, Apotheke, Geldautomat, mehr Tavernen und drei Tankstellen. Das ist der Versorgungsort der ganzen Gegend, und man plant den Stopp am besten fest ein, statt sich auf Lachania zu verlassen.
Der Strand unten an der Küste
Einen eigenen Strand hat Lachania auch, aber nicht in Sichtweite: Er liegt rund fünf Kilometer unterhalb des Dorfs an der Küste, erreichbar über die Straße hinunter zur Küstenstraße. Es ist ein langer, kaum verbauter Streifen aus grobem Sand und Kies, ohne Bebauung im Rücken und ohne Infrastruktur: kein Kiosk, keine Duschen, meist auch keine Liegen. Platz ist hier nie das Problem, Schatten dagegen schon. Sonnenschirm, Wasser und Badeschuhe gehören ins Gepäck, denn der Einstieg ins Wasser ist steinig. Bei auflandigem Wind läuft an dieser offenen Küste spürbar Welle, was Familien mit kleinen Kindern meist auf ruhigere Buchten ausweichen lässt.
Für die Blaue Flagge zählt nur ein Teilstück: Ausgezeichnet ist 2026 der bewirtschaftete Abschnitt vor dem großen Resort an dieser Küste, einer von 28 ausgezeichneten Abschnitten auf Rhodos. Das Siegel bewertet Wasserqualität, Sicherheit und Ausstattung eines konkreten, betreuten Abschnitts; die freien Streifen daneben bleiben unorganisiert und unbewacht, ganz unabhängig von der Fahne. Liegen, Strandbars und etwas mehr Leben bietet der Strand von Gennadi ein paar Kilometer weiter nördlich. Weil hier kaum Betrieb herrscht, ist der Küstenabschnitt außerhalb der Hochsaison auch eine der entspannteren Adressen für Reisende mit Hund; die üblichen Regeln am Strand gelten trotzdem.
Ausflüge in der Umgebung
Ein paar Kilometer südlich an der Küste liegt Plimmiri, eine weite, stille Bucht, die zu Lachania gehört und so unverbaut ist, wie es an dieser Küste kaum noch vorkommt: heller Sand mit einzelnen Kiesabschnitten, sehr klares Wasser, Bäume direkt hinter dem Strand, ein oder zwei Tavernen, sonst nichts. Gleich dahinter steht die weiße Kirche der Zoodochos Pigi, errichtet über einem antiken Tempel, von dem Säulen und Marmorkapitelle im Bau wiederverwendet wurden. Mehr als einen halben Tag braucht Plimmiri nicht, als Badestopp auf der Süd-Runde ist die Bucht dafür kaum zu schlagen.
Und schließlich die Südspitze: Über Kattavia, das südlichste Dorf der Insel, sind es von Lachania gut 20 Kilometer bis Prasonisi, der Sandzunge zwischen zwei Meeren, auf der sich im Sommer die Kite- und Windsurf-Szene der Insel sammelt. Die Reihenfolge ergibt sich fast von selbst: morgens das Spektakel auf dem Wasser, mittags zurück in die Stille der Platia. Einen größeren Kontrast auf zwanzig Kilometern bietet Rhodos kaum.
Landeinwärts lohnen zwei weitere Ziele. Rund zehn Kilometer nördlich liegt Asklipio mit Burgruine über dem Ort und der Kirche Kimisis Theotokou. Ihre Inschriftplatte nennt das Jahr 1060, der heute sichtbare Bau ist jünger, die Hauptschicht der Fresken stammt aus den Jahren 1676/77. Für viele ist das der eindrucksvollste Kirchenraum im Süden der Insel. Nach Westen führt die Querverbindung über die Hügel nach Apolakkia mit seinem Stausee, eine ruhige, kurvige Strecke ohne Verkehr und ein guter Rückweg, wenn man nicht dieselbe Straße zweimal fahren will. Apolakkia hat eine Tankstelle, Monolithos weiter nördlich keine; vor der Weiterfahrt an die Westküste also dort tanken.
Anreise und Mobilität
Ohne Mietwagen ist Lachania realistisch kaum zu machen. Von Rhodos-Stadt dauert die Fahrt etwa eineinhalb Stunden: über die Ostküstenstraße bis Gennadi, dann rund sieben Kilometer weiter Richtung Südspitze, wo die Straße landeinwärts abzweigt, und die letzten etwa fünf Kilometer hinauf in die Hügel. Die Strecke ist durchgehend asphaltiert und unproblematisch, im Dorf selbst sind die Gassen aber eng und steil. Am besten parkt man oberhalb und geht die letzten Meter zur Platia zu Fuß.
Der KTEL-Bus erreicht Lachania zwar, aber nur auf der Linie Rhodos–Asklipio–Lachania–Kattavia, und die verkehrt im Sommerfahrplan 2026 lediglich dienstags und donnerstags, mit einer Abfahrt um 14:30 Uhr ab Rhodos-Stadt. Für einen Tagesausflug reicht das praktisch nicht: Man käme hin, aber der Rückweg hängt an einer einzigen Verbindung. Deutlich häufiger fährt der Bus in Richtung Gennadi (im Sommerfahrplan rund 15 Kurse täglich, einfach 7,50 €). Ohne Auto lässt sich Lachania deshalb am ehesten mit einem Taxi ab Gennadi oder einer geführten Süd-Tour verbinden. Ab Mitte September wird ausgedünnt, im Winter (zuletzt ab Anfang November bis Mitte April) fahren deutlich weniger Kurse; aktuelle Zeiten gibt es am Busbahnhof und auf der KTEL-Website.
Übernachten in Lachania
Hotels im üblichen Sinn gibt es im Dorf nicht. Zum Bleiben stehen Studios, Gästezimmer oder ganze restaurierte Steinhäuser bereit, teils direkt bei den Eigentümern, teils über die üblichen Portale; auch die Familie des Dorfpriesters vermietet Zimmer an ihrer Taverne. Das Angebot ist klein und saisonal, frühe Buchung zahlt sich also aus, sobald die Reisewoche feststeht. An der Küste unterhalb des Dorfs steht dagegen ein großes Fünf-Sterne-Resort mit eigenem Strandabschnitt: zwei völlig verschiedene Urlaubsformen unter demselben Ortsnamen, was bei der Buchung leicht zu Verwechslungen führt.
Als Basis für einen ganzen Rhodos-Urlaub taugt Lachania nur für Selbstversorger mit Auto: Bis Rhodos-Stadt sind es 75 Kilometer, bis Lindos gut 30. Mit mehr Anspruch an Infrastruktur wohnt man besser in Gennadi oder Kiotari und kommt für Abende hier herauf. Eine Einordnung aller Regionen steht in unserem Überblick Wo auf Rhodos übernachten.
Für wen Lachania passt
Passend ist der Ort für alle, die mit dem Mietwagen unterwegs sind und einen ruhigen Gegenpol zur Küste suchen: für lange Mittagessen im Schatten, für Fotografie, für Wanderer und Radfahrer auf den leeren Nebenstraßen des Südens, für Paare und für Reisende in der Nebensaison. Auch als kurzer Stopp auf dem Weg nach Prasonisi funktioniert Lachania gut.
Weniger passend ist es, wenn man Abendprogramm, Auswahl beim Essen, Wassersport oder eine Strandpromenade vor der Tür erwartet: All das gibt es hier nicht, und zwar bewusst. Auch Familien mit kleinen Kindern, die viel Beschäftigung brauchen, sind an der Küste besser aufgehoben. Ohne Auto schließlich ist der Aufwand nicht zu unterschätzen, denn Lachania ist schön, aber unbequem zu erreichen.
Beste Reisezeit
Die angenehmsten Monate sind Mai bis Juni und September bis Oktober: warm genug für die Strände ringsum, aber ohne die Glut des Hochsommers. Im Juli und August empfiehlt sich der frühe Start in den Süden, bevor die Hitze über den Hügeln steht; das Dorf selbst bleibt auch dann ruhig, weil die Tagesströme der Insel woanders unterwegs sind. Im Herbst geht der Süden früher zur Ruhe als der Norden, und ab Mitte September fahren auch die Busse seltener; was das konkret heißt, steht im Beitrag Rhodos im Oktober.
Von November bis März ist Lachania grün und blühend, aber weitgehend geschlossen: Tavernen öffnen dann höchstens am Wochenende oder gar nicht, Zimmer werden kaum vermietet, und außer der Landschaft und dem Wasser an den Brunnen gibt es wenig, worauf man sich verlassen kann. Im Winter taugt Lachania deshalb eher als Fahrtstopp mit eigener Verpflegung denn als Tagesziel.
Süd-Runde mit Prasonisi und Plimmiri
Lachania entfaltet sich am besten als Etappe einer Süd-Runde: morgens an die Südspitze nach Prasonisi, auf dem Rückweg Mittagessen unter den Platanen, nachmittags Baden in Plimmiri oder bei Gennadi. Als Basis dafür eignen sich Gennadi selbst oder das Resort-Küstenband von Kiotari; auch von Lindos aus ist Lachania nur eine gute halbe Stunde entfernt, der Sprung vom meistbesuchten Ort der Insel in einen der stillsten. Wie sich der Süden als Tagesetappe in eine Inselrundfahrt fügt, zeigt die 7-Tage-Route.










