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Künstlerische Darstellung des Koloss von Rhodos am Hafeneingang im goldenen Abendlicht
Sehenswürdigkeit · Antike Stätte

Koloss von Rhodos

Eines der Sieben Weltwunder der Antike: eine rund 33 Meter hohe Bronzestatue des Sonnengottes Helios, die nur wenige Jahrzehnte stand. Erhalten ist nichts — und schon der Standort ist bis heute umstritten.

Der Koloss von Rhodos war eine monumentale Bronzestatue des Sonnengottes Helios, der Schutzgottheit der Insel. Sie entstand im frühen 3. Jahrhundert v. Chr. in der antiken Stadt Rhodos und galt schon den Zeitgenossen als eines der Sieben Weltwunder — neben den Pyramiden von Gizeh oder dem Leuchtturm von Alexandria. Anders als diese ist der Koloss heute kein Ort, den man besichtigen kann: Er stürzte nach wenigen Jahrzehnten ein, und von der Statue ist nichts erhalten geblieben. Wer sich auf Rhodos auf seine Spuren begibt, sucht deshalb nicht nach Ruinen, sondern nach einem Mythos — und nach den offenen Fragen, die ihn bis heute umgeben.

Anlass: ein Denkmal aus Kriegsbeute

Der Koloss war ein Siegesdenkmal. 305/304 v. Chr. belagerte Demetrios I. „Poliorketes“ (der „Städtebelagerer“), Sohn des Diadochenfürsten Antigonos, die mit dem ägyptischen Ptolemäerreich verbündete Stadt ein Jahr lang mit großem Heer und gewaltigem Belagerungsgerät — und scheiterte. Als ein ptolemäisches Entsatzheer eintraf, brach Demetrios die Belagerung ab und ließ einen Großteil seiner Kriegsmaschinen zurück. Die Rhodier verkauften das Gerät und stifteten vom Erlös eine kolossale Statue ihres Stadtgottes Helios; antike Quellen nennen einen Erlös von 300 Talenten. Ein Teil des zurückgelassenen Metalls — Bronze und Eisen aus den Waffen — wurde für die Statue eingeschmolzen. So wurde aus den Werkzeugen des Angreifers ein Zeichen der bewahrten Freiheit.

Baumeister und Bauzeit

Ausgeführt wurde das Werk vom Bildhauer Chares von Lindos, der aus der gleichnamigen Stadt im Süden der Insel stammte und als Schüler des berühmten Lysipp galt — jenes Meisters, der unter anderem eine riesige Zeus-Statue im italischen Tarent geschaffen hatte. Die Bauzeit wird übereinstimmend mit zwölf Jahren angegeben; die Datierung schwankt in den Quellen geringfügig, meist wird der Zeitraum von etwa 292 bis 280 v. Chr. genannt. Die Höhe gibt schon die Antike mit „siebzig Ellen“ an, was modernen Schätzungen von rund 32 bis 33 Metern entspricht — etwa zwei Drittel der heutigen Freiheitsstatue und damit die größte Statue der bekannten antiken Welt.

Wie er gebaut wurde

Die genaue Konstruktion ist nur indirekt überliefert, vor allem durch Autoren, die erst die Trümmer sahen. Im Kern bestand der Koloss aus einem tragenden Eisengerüst, über das gehämmerte oder gegossene Bronzeplatten gelegt waren; das Innere war abschnittsweise mit Steinen beschwert, um Standfestigkeit zu geben. Plinius der Ältere berichtet, der Künstler habe die Figur „mit Felsmassen“ stabilisiert. Errichtet haben dürfte man die Statue auf einem hohen Marmorsockel nahe dem Hafen.

Eine vielzitierte Schilderung stammt von Philon von Byzanz: Danach goss Chares die Statue in waagerechten Lagen und schüttete um jeden fertigen Abschnitt einen Erdwall auf, um auf gleicher Höhe weiterarbeiten zu können — am Ende hätte man die ganze Aufschüttung wieder abtragen müssen. Diese Darstellung ist anschaulich, aber nicht unumstritten: Die Archäologin Ursula Vedder etwa hält das Verfahren für mit dem griechischen Bronzeguss schwer vereinbar und vermutet eher den Guss in großen Teilstücken. Wie der Koloss aussah, lässt sich ohnehin nur erschließen — antike Reliefs und rhodische Münzen zeigen Helios meist mit lockigem Haar und Strahlenkranz, in einer Hand möglicherweise zum Gruß über die Augen erhoben.

Einsturz und Verbleib der Reste

Lange hielt das Weltwunder nicht. Um 226 v. Chr. — nach den meisten Angaben etwa 54 Jahre nach der Vollendung — brach bei einem schweren Erdbeben, das große Teile der Stadt verwüstete, die Statue an den Knien und stürzte zu Boden. Der ägyptische König Ptolemaios III. soll einen Wiederaufbau finanzieren wollen; doch ein Orakel — überliefert ist das Orakel von Delphi — ließ die Rhodier befürchten, Helios erzürnt zu haben, und so verzichteten sie darauf.

Die Trümmer blieben über 800 Jahre liegen und waren selbst als Ruine ein Anziehungspunkt. Strabon und Plinius beschreiben sie; Plinius staunt, kaum jemand könne den herabgefallenen Daumen mit beiden Armen umfassen, und in den aufgebrochenen Gliedern gähnten Hohlräume, in denen man die inneren Steinmassen sah. Was am Ende mit dem Metall geschah, ist unsicher.

Die Legende vom Hafen — und der Streit um den Standort

Das bekannte Bild des Riesen über der Hafeneinfahrt geht wohl auf zwei Wurzeln zurück: auf die Weihinschrift, die den Sieg „zu Wasser und zu Lande“ feierte, und auf einen italienischen Reisenden, der 1395 notierte, der Überlieferung nach habe der rechte Fuß dort gestanden, wo damals eine dem Koloss geweihte Johanneskirche stand. Spätere Künstler malten daraus die spektakuläre, aber unhaltbare Szene mit Schiffen zwischen den Beinen.

Wo die Statue wirklich stand, ist bis heute Gegenstand der Forschung. Traditionell wird sie am Hafen vermutet — im Boden der Festung Agios Nikolaos (St. Nikolaus) fanden sich ein Kreis aus Sandsteinblöcken und auffällig bearbeitete Marmorteile, die manche als Reste eines Sockels deuten. Eine einflussreiche Gegenthese der Archäologin Ursula Vedder verlegt den Koloss dagegen ganz weg vom Wasser auf die Anhöhe der antiken Akropolis von Rhodos oberhalb der Stadt: Der dort traditionell „Apollon“ zugeschriebene große Tempel sei in Wahrheit ein Helios-Heiligtum gewesen, dessen mächtiges Fundament die Statue getragen haben könnte. Eine abschließende Klärung gibt es nicht.

Die spätere Überlieferung

Eine oft erzählte Geschichte besagt, nach einem arabischen Überfall auf Rhodos (meist auf 653 n. Chr. datiert) seien die Bronzereste eingeschmolzen, an einen jüdischen Händler verkauft und auf 900 Kamelen abtransportiert worden. Sie ist mit Vorsicht zu genießen: Die Episode geht im Kern auf eine einzige, späte Quelle zurück — die Chronik des Theophanes — und Spielarten davon nennen abweichende Zahlen und Orte. Teile der Forschung, etwa der Historiker L. I. Conrad, halten die Erzählung für eher legendenhaft, womöglich für ein Stück antiarabische Propaganda. Wahrscheinlicher ist, dass das wertvolle Metall über die Jahrhunderte nach und nach anderweitig verwertet wurde. Sicher ist nur: Irgendwann war nichts mehr da.

Der Koloss heute: ein Hafen voller Andeutungen

Vom Koloss selbst ist nichts zu sehen — kein Stein, keine Platte, kein gesichertes Fundament. Wer dem Mythos dennoch nachspüren möchte, geht an den Mandraki-Hafen. Dort markieren seit der italienischen Zeit zwei Säulen mit den Bronzefiguren eines Hirsches und einer Hirschkuh — Elafos und Elafina, den Wappentieren der Insel — die Hafeneinfahrt. Sie gelten vielen als jene Stelle, an der einst die Füße des Riesen gestanden hätten; tatsächlich sind sie eine moderne, symbolische Setzung und kein historischer Beleg. Das ist der ehrliche Stand: Der Mandraki ist der Ort, an dem man sich den Koloss vorstellt, nicht der, an dem er nachweislich stand.

Wer mehr sehen will, findet im Archäologischen Museum in der mittelalterlichen Altstadt Modelle und Rekonstruktionsversuche, die zeigen, wie sich die Forschung das verschwundene Weltwunder heute denkt. Und ringsum erzählt die Topografie weiter: die mittelalterlichen Windmühlen auf der Hafenmole und die schon erwähnte Festung Agios Nikolaos zeichnen die Linien des antiken Hafens nach, über dem der Koloss einst aufragte — wo auch immer genau.

Liegt in
Rhodos-Stadt

Zwei Städte in einer: die ummauerte mittelalterliche Altstadt — UNESCO-Welterbe und eine der besterhaltenen Mittelalterstädte Europas — und die italienisch geprägte Neustadt am Mandraki-Hafen. Zugleich der Verkehrs- und Lebensmittelpunkt der Insel.