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Terrassenförmige Ruinen der antiken Stadt Kamiros im Abendlicht
Sehenswürdigkeit · Antike Stätte

Antikes Kamiros

Eine der drei dorischen Städte von Rhodos — terrassenförmig in einen Hang an der Westküste gebaut und nahezu vollständig in ihrer hellenistischen Form erhalten.

Kamiros war neben Lindos und Ialysos eine der drei dorischen Städte von Rhodos. Anders als die beiden anderen verlor es nach der Vereinigung der Insel an Gewicht und wurde über die Jahrhunderte allmählich verlassen — und gerade das macht den Ort heute besonders. Keine mittelalterliche Festung, kein späteres Dorf, keine moderne Bebauung legte sich über die antiken Mauern. Was man von der oberen Hangkante überblickt, ist der zusammenhängende Grundriss einer hellenistischen Stadt: unten die Agora mit ihren Heiligtümern, am Hang die Wohnviertel, oben die Akropolis.

Geschichte und Bedeutung

Besiedelt war die Gegend schon in mykenischer Zeit — westlich der Ausgrabung, bei Kalavarda, wurden bronzezeitliche Gräberfelder freigelegt. Die Stadt selbst geht auf die Dorier zurück, die sich nach der mykenischen Epoche auf Rhodos festsetzten. Funde aus geometrischer Zeit (8. Jahrhundert v. Chr.) belegen ein frühes Heiligtum der Athena auf der Akropolis. Gemeinsam mit Lindos und Ialysos sowie den kleinasiatischen Städten Knidos, Halikarnassos und Kos gehörte Kamiros zur dorischen Hexapolis, einem Bund von sechs dorischen Gemeinwesen.

Auf Rhodos selbst war Kamiros eine der drei eigenständigen Poleis, die eigene Münzen prägten und Seehandel trieben; aus der Stadt stammt der frühe Epiker Peisandros. 408 v. Chr. schlossen sich die drei Städte im sogenannten Synoikismos zusammen und gründeten an der Nordspitze der Insel die neue gemeinsame Hauptstadt Rhodos (mehr dazu im Überblick zur Antike auf Rhodos). Für Kamiros war das der Anfang vom Ende seiner Eigenständigkeit: Die politische Bedeutung wanderte in die neue Metropole ab, und die alte Stadt schrumpfte über die folgenden Jahrhunderte zu einer Landgemeinde.

Warum Kamiros so vollständig erhalten ist

Zwei schwere Erdbeben prägten das Schicksal der Stadt. Das erste, um 226 v. Chr., zerstörte die klassische Stadt samt dem älteren Athena-Tempel — es ist dasselbe Beben, das auch den Koloss von Rhodos zu Fall brachte. Kamiros wurde danach im hellenistischen Stil wieder aufgebaut. Ein zweites Beben, nach Angaben des griechischen Kulturministeriums 142 v. Chr., traf die Stadt erneut. Sie erholte sich nicht mehr vollständig; in römischer Zeit lebte hier nur noch eine kleine Gemeinde, später wurde der Platz ganz aufgegeben.

Weil sich danach keine größere Siedlung mehr über die Ruinen schob, blieb der hellenistische Stadtplan erhalten. Erst die Ausgrabungen des 19. und 20. Jahrhunderts legten ihn wieder frei: zuerst der Bereich der Akropolis durch Alfred Biliotti und Auguste Salzmann zwischen 1852 und 1864 — ihre Funde gingen unter anderem ins British Museum und in den Louvre —, dann ab 1928 die systematische Grabung der Italienischen Archäologischen Schule, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch Mauern und Säulen wieder aufrichtete.

Rundgang: von der unteren Agora hinauf zur Akropolis

Der Rundgang beginnt unten am Eingang, auf der untersten der drei Terrassen. Hier lag das öffentliche und religiöse Zentrum. Ein hellenistischer Tempel — ein kleiner Bau aus Poros-Stein mit zwei Säulen in der Vorhalle — war wahrscheinlich dem Pythischen Apollon geweiht; in der Cella ist noch die Basis des Kultbildes erhalten, dahinter eine in den Boden eingelassene Schatzgrube für das Tempelgeld. Daneben steht das Brunnenhaus aus der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr., dessen dorische Halbsäulen später mit den Namen der Jahresbeamten beschriftet wurden, und der Peribolos der Altäre — ein Bezirk mit zahlreichen Weihaltären und Statuensockeln.

Von hier führt eine breite, gepflasterte Hauptstraße den Hang hinauf durch das Wohnviertel. Es ist nach dem hippodamischen Schema angelegt — ein Raster paralleler Straßen und gleich großer Häuserblocks (insulae). Viele Häuser hatten einen von Säulen umstandenen Innenhof, bei dem eine Seite höher war als die übrigen; diese Bauform gilt als rhodisches Peristyl. Erhalten sind Reste von Mosaikböden und von Fassaden mit bemaltem Putz, dazu eine öffentliche Badeanlage mit Warm- und Kalträumen und einer Fußbodenheizung (Hypokaustum). Der Aufstieg über die Straße macht den Aufbau der Stadt körperlich erfahrbar — vom Markt unten bis zum Heiligtum oben.

Ganz oben liegt die Akropolis. Vom dorischen Tempel der Athena Kameiras, der den um 226 v. Chr. zerstörten Vorgängerbau ersetzte, ist im Wesentlichen das Fundament erhalten. Den eindrucksvollsten Bestand bildet die lange hellenistische Stoa aus dem 3. bis 2. Jahrhundert v. Chr.: eine zweischiffige Säulenhalle mit dahinterliegenden Räumen für Geschäfte oder Unterkünfte, von der ein Teil der dorischen Säulen wieder aufgerichtet ist. Von der Hangkante reicht der Blick über die Dächer der antiken Stadt hinweg bis zum Meer.

Das Wasser-System

Kamiros lag auf einem Hügel ohne eigene Quelle — die Versorgung mit Wasser war deshalb eine bauliche Daueraufgabe und ist an der Anlage bis heute gut ablesbar. Ältestes Element ist eine große, rechteckige und innen verputzte Zisterne aus dem 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr. auf der Akropolis. Sie fasste rund 600 Kubikmeter — Wasser genug für etwa 300 bis 400 Familien —, war überdeckt und über seitliche Stufen zur Reinigung zugänglich; tönerne Leitungen und zwei mit Steinplatten verschlossene Öffnungen führten das Wasser in die Stadt hinab.

Im Hellenismus wurde über dieser Zisterne die Stoa errichtet, womit sie außer Betrieb ging. An ihre Stelle trat ein System unter dem Hallenboden aus Brunnen — laut Inschrift mit Deckeln —, unterirdischen Becken und Tonrohren. Unten in der Stadt sammelte zusätzlich das Brunnenhaus Wasser für den Alltag. Zusammengenommen zeigt Kamiros anschaulich, wie eine antike Stadt allein mit Regen- und Sammelwasser über Jahrhunderte funktionierte.

Praktischer Besuch

Die Ausgrabung liegt an der Westküste, rund 34 Kilometer von Rhodos-Stadt entfernt. Am bequemsten kommt man mit dem Mietwagen über die Küstenstraße — von Rhodos-Stadt etwa 45 Minuten. Direkt am Eingang gibt es einen Parkplatz. Der Westküsten-Bus der städtischen Linien (vor Ort als RODA ausgeschildert) hält am Abzweig, von dort sind es noch einige Hundert Meter zu Fuß zur Anlage; die Taktung ist für einen Tagesausflug allerdings knapp.

Geöffnet ist im Sommer (ab 1. April) täglich von 08:00 bis 20:00 Uhr, im Winter (1. November bis 31. März) von 08:30 bis 15:30 Uhr, dienstags geschlossen. Der Eintritt liegt bei 10 Euro (Vollpreis); für bestimmte Gruppen — etwa Jugendliche aus der EU — gilt freier oder ermäßigter Eintritt, dazu kommen einige eintrittsfreie Tage im Jahr. Diese Angaben entsprechen dem Stand Juni 2026 nach dem amtlichen Portal des Kulturministeriums; Zeiten und Preise ändern sich saisonal, eine kurze Kontrolle vor der Anreise lohnt sich. Für den Rundgang sollte man ein bis anderthalb Stunden einplanen.

Mit der Westküste kombinieren

Kamiros lässt sich gut mit den übrigen Zielen der Westküste zu einer Tagesrunde verbinden. Wenige Kilometer südlich liegt der kleine Hafen Skala Kameirou, von dem die Fähre zur autofreien Insel Chalki ablegt und ein paar einfache Fischtavernen zum Mittagsstopp einladen. Weiter südlich, über dem Bergdorf Kritinia, thront die Johanniterburg Kastellos mit weitem Blick übers Meer; landeinwärts erreicht man das Weindorf Embonas am Fuß des Attavyros. Wer die antike Seite von Rhodos vertiefen will, findet im Osten mit der Akropolis von Lindos das passende Gegenstück.

Liegt in
Skala Kameirou

Eine Mole, ein paar Fischerboote, eine Handvoll Tavernen: Der kleinste Hafen der Westküste ist das Tor zur Nachbarinsel Chalki — und der ideale Mittagsstopp zwischen dem antiken Kamiros und der Burg über Kritinia.