Petaloudes — griechisch Πεταλούδες, „Schmetterlinge" — ist eine schmale, schattige Schlucht im bewaldeten Inselinneren im Nordwesten von Rhodos, gut 25 Kilometer südwestlich von Rhodos-Stadt. Ein kleiner Bach läuft über Stufen und kleine Wasserfälle durch den Talgrund; an seinen Ufern wächst ein dichter Bestand des Orientalischen Amberbaums (Liquidambar orientalis) — eine Seltenheit, die oft als einziger natürlicher Bestand dieser Baumart in Europa beschrieben wird und das ganze Tal im Hochsommer harzig-süß duften lässt. Berühmt ist der Ort für das, was sich dann an den Stämmen sammelt: Hunderttausende Falter, dicht an dicht, reglos im Halbdunkel. Der Weiler am Eingang trägt denselben Namen und wird als eigener Ort gesondert vorgestellt; hier geht es um das Tal selbst.
Was hier wirklich fliegt
Trotz des Namens sind die „Schmetterlinge" von Petaloudes keine Tagfalter, sondern Nachtfalter: der Russische Bär oder die Spanische Flagge (Euplagia quadripunctaria), ein Vertreter der Bärenspinner. Im Tal lebt die endemische Unterart Euplagia quadripunctaria rhodosensis, die nur auf Rhodos und an der nahen türkischen Küste vorkommt. Untypisch für einen Nachtfalter ist die Art durchaus auch bei Tag flugfähig — im Tal aber sitzt sie still, und genau darauf kommt es an.
In Ruhe wirken die Tiere unscheinbar: Die zusammengelegten Vorderflügel sind dunkel mit cremefarbenen Streifen, eine perfekte Tarnung auf der Rinde. Erst im Flug blitzen die leuchtend roten Hinterflügel mit ihren vier schwarzen Punkten auf — daher der Artname quadripunctaria. Die Spanische Flagge ist zugleich die einzige Schmetterlingsart, die die EU in ihrer Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie als „prioritäre Art" führt; ihretwegen steht das Tal unter europäischem Schutz.
Warum sie herkommen
Was die Falter ins Tal zieht, ist nicht Nahrung, sondern Klima. Zwischen Mitte Juni und Mitte September fliehen die frisch geschlüpften Tiere die Sommerhitze und Trockenheit der Insel und ziehen sich in die kühle, feuchte Schlucht zur Ästivation zurück — einer Sommerruhe, dem Gegenstück zum Winterschlaf. Der harzige Duft der Amberbäume gilt als Wegweiser; an schattigen Stämmen, Felsen und Blättern hängen die Falter dann in dichten Trauben und warten den Hochsommer ab.
Entscheidend ist: In dieser Phase fressen sie nicht. Der Saugrüssel der erwachsenen Tiere ist zurückgebildet, sie zehren ausschließlich von den Fettreserven, die sie als Raupe angelegt haben. Jede Bewegung verbraucht von diesem festen Vorrat — Energie, die sich bis zur Paarung im Spätsommer nicht mehr ersetzen lässt. Erst gegen Saisonende, wenn die Tiere das Tal zur Eiablage wieder verlassen, schließt sich der Kreis.
Verhalten im Tal
Aus dieser Biologie folgt die einzige wirklich wichtige Regel für den Besuch. Wer die roten Flügel im Schwarm sehen will, ist versucht, in die Hände zu klatschen oder zu pfeifen, bis die Falter auffliegen. Genau das richtet Schaden an — und ist mit ein Grund, warum die Population des Tals seit den 1980er-Jahren dokumentiert zurückgegangen ist.
Der eigentliche Reiz liegt ohnehin im genauen Hinsehen: Wer einen Moment vor einem Stamm stehen bleibt und die Augen an das Halbdunkel gewöhnt, erkennt nach und nach, dass die vermeintliche Rinde aus Hunderten reglosen Faltern besteht. Dieses stille Bild ist eindrücklicher als jedes aufgescheuchte Auffliegen — und es schadet den Tieren nicht.
Der Weg durchs Tal
Vom unteren Eingang führt ein gut ausgebauter Pfad rund zwei Kilometer den Bach entlang bergauf zum oberen Eingang — über Holzstege, Brücken, Treppen und an mehreren kleinen Wasserfällen und Teichen vorbei. Der Anstieg ist sanft und durchgehend schattig, aber feucht: Die Holzbohlen und Steinstufen sind oft glitschig, festes Schuhwerk ist hier mehr als eine Empfehlung. Für den Weg hinauf und zurück sollte man je nach Tempo und Pausen anderthalb bis zwei Stunden einplanen.
Am unteren Eingang informiert ein kleines Naturkundemuseum über die Tier- und Pflanzenwelt der Schlucht; am oberen Ausgang steht, etwas oberhalb, das Kloster Kalopetra aus dem 18. Jahrhundert, frei zugänglich und mit Blick über die bewaldeten Hügel. Wer den Aufstieg nicht zweimal gehen möchte, läuft eine Richtung und lässt sich am anderen Eingang abholen.
Saison & beste Zeit
Die Falter sind nur von Mitte Juni bis Mitte September im Tal, mit dem Höhepunkt in Juli und August. Außerhalb dieser Wochen ist Petaloudes eine hübsche, kühle Waldschlucht — aber eben ohne Falter; den Namen löst der Ort dann nicht ein. Wer ausschließlich wegen der Tiere kommt, sollte den Besuch in dieses Fenster legen und sonst eher einen anderen grünen Ausflug wählen, etwa das Tal der sieben Quellen.
Auch innerhalb der Saison lohnt der richtige Tageszeitpunkt: Am frühen Morgen und am späten Nachmittag ist es kühler, ruhiger und weniger voll als zur Mittagszeit, wenn die Ausflugsbusse eintreffen. Eine grobe Orientierung zu Wetter und Reisemonaten gibt der Abschnitt beste Reisezeit.
Praktischer Besuch
Am einfachsten kommt man mit dem Mietwagen: von Rhodos-Stadt rund eine halbe Stunde über die Westküstenstraße Richtung Kremasti und Paradisi, dann landeinwärts den Schildern nach Petaloudes / Theologos folgen. Große Parkplätze liegen am unteren und am oberen Eingang. Mit öffentlichem Verkehr ist es mühsamer — in der Hochsaison fahren einzelne städtische Busse (RODA) ab Rhodos-Stadt, der Takt ist aber dünn.
Der Eintritt ist saisonabhängig gestaffelt: In der Hauptsaison (14. Juni bis 30. September), wenn die Falter im Tal hängen, kostet er 6 € für Erwachsene, in den Randmonaten 3 €; Kinder unter zwölf Jahren sind frei (Stand Juni 2026 nach Betreiberangaben — bitte aktuell prüfen). Geöffnet ist das Tal in der Saison täglich von etwa 8:00 bis 18:00 Uhr. Mitnehmen sollte man festes, rutschsicheres Schuhwerk, etwas zu trinken und einen leisen Auftritt; für den Rundweg reichen anderthalb bis zwei Stunden.
Gut kombinieren
Petaloudes liegt günstig für eine Tour über die Nordwestecke der Insel. Auf dem Rückweg Richtung Stadt bietet sich der Tafelberg Filerimos mit seinem Kloster, dem Kreuzweg und dem weiten Blick über Ialyssos und die Westküste an. Nordwestlich, direkt an der Küste, liegt außerdem das antike Kamiros. Eine entspannte Kombination ist Filerimos am Vormittag, Petaloudes in der schattigen Mittagshitze und ein Strandstopp an der Westküste am Nachmittag — wobei die Falter wie gesagt nur im Hochsommer dabei sind.
Kein klassisches Dorf, sondern eine grüne Gegend: das bewaldete Hinterland rund um das Tal der Schmetterlinge — mit dem Kloster Kalopetra über dem Tal, dem riesigen Dorfplatz von Psinthos und dem dichtesten Grün der Insel.



