Siana hat ein Zeitfenster-Problem. Zwischen elf und drei ist das Dorf Pflichtstopp fast jeder Inselrundfahrt: Busse halten am Straßenrand, Reisegruppen probieren Honig aus Plastiklöffeln und kippen Souma aus Schnapsgläsern, ein Verkäufer erklärt zum siebten Mal an diesem Tag den Unterschied zwischen Thymian- und Pinienhonig. Wer um zehn nach fünf kommt, findet dasselbe Dorf komplett verwandelt: 152 Einwohner, eine Handvoll Katzen, Blick über die bewaldeten Hänge bis ans Meer, und aus einer offenen Tür Fernsehgeräusche. Beide Versionen sind echt. Nur lohnt sich die zweite mehr.
Das Dorf liegt auf 435 Metern am Osthang des Akramytis, mit 825 Metern die zweithöchste Erhebung der Insel — nach dem Attavyros (1.215 m) und vor dem Profitis Ilias (798 m). Nach Süden sind es rund fünf Kilometer bis Monolithos mit seiner Burg, nach Norden führt die Bergstraße über Embonas zurück in die Weinregion. Siana sitzt damit genau auf der Nahtstelle zwischen dem grünen Bergland und dem stillen Südwesten.
Souma — was da eigentlich im Glas ist
Souma ist ein klarer Traubenbrand: Was nach dem Keltern übrig bleibt — Schalen, Kerne, Stiele, der sogenannte Trester — wird vergoren und anschließend gebrannt. Verwandt ist er mit dem italienischen Grappa und dem griechischen Tsipouro, unterscheidet sich aber von beiden dadurch, dass er traditionell ungereift und ungewürzt in die Flasche kommt: keine Fasslagerung, kein Anis. Das Ergebnis ist trocken, sehr direkt und deutlich fruchtiger, als Erstkontakte erwarten.
Die Dodekanes-Inseln haben für diese Hausbrennerei eine eigene historische Sonderstellung; auf Rhodos ist Siana der Ort, mit dem das Getränk am engsten verbunden wird. Gebrannt wird traditionell im Spätherbst, nach der Weinlese, in kleinen Mengen. Was in den Läden am Ortsdurchgang steht, hat entsprechend keine einheitliche Qualität — Alkoholgehalt und Charakter schwanken von Erzeuger zu Erzeuger merklich. Probieren ist deshalb keine Touristenfolklore, sondern der einzig sinnvolle Weg.
Thymianhonig, Joghurt und der Rest des Sortiments
Das zweite Produkt, für das Siana bekannt ist, wächst rings um das Dorf: Die trockenen Macchia-Hänge des Akramytis sind über und über mit wildem Thymian bestanden, und Thymianhonig gilt als der aromatischste, den Griechenland zu bieten hat — dunkler und deutlich würziger als der milde Blütenhonig aus der Ebene. Er kristallisiert langsamer als andere Sorten und schmeckt am ehesten nach dem Hang, auf dem er entstanden ist. Neben Thymian- wird auch Pinien- und Erdbeerbaumhonig angeboten; letzterer ist bitter und ausgesprochen speziell, ein guter Test für die eigene Neugier.
Dazu kommen Schafs- und Ziegenjoghurt, Kräuter aus den Bergen, Olivenöl und eingelegtes Gemüse. Die Preise am Ortsdurchgang sind touristisch kalkuliert, aber nicht unverschämt; wer mehrere Gläser nimmt, handelt in der Regel nichts, bekommt aber verlässlich etwas zum Probieren. Einordnung und Preisniveau griechischer Lebensmittel insgesamt behandelt der Beitrag Essen und Trinken.
Die Kirche Agios Panteleimon
Die Dorfkirche ist der eine echte Sehenswürdigkeitspunkt in Siana und wird von den meisten Rundfahrtgästen übersehen, weil die Stände näher an der Straße stehen. Agios Panteleimon ist dem Heiligen der Heiler geweiht und im Inneren vollständig mit Wandmalereien ausgemalt — nicht museal aufbereitet, sondern als benutzter Kirchenraum, mit Kerzen, Weihrauchgeruch und den üblichen Regeln: Schultern und Knie bedeckt, kein Blitz, bei Gottesdienst nicht hineinspazieren.
Ein Kuriosum erzählt das Tourismusportal der Südägäis über den Glockenturm: Die aufgemalte Turmuhr zeigt unverrückbar zehn vor sieben — angeblich die Stunde, in der der Kirchenbau einst begann und viele Jahre später auch endete. Ob die Geschichte stimmt, ist nicht zu belegen; erzählt wird sie im Dorf jedenfalls gern, und sie erklärt, warum Besucher regelmäßig irritiert auf ihre eigene Uhr schauen.
Der Rhythmus des Dorfes
Siana ist eines der wenigen Dörfer der Insel, bei denen die Tageszeit den Charakter komplett umdreht. Die Rundfahrten kommen gebündelt: Sie starten morgens in den Küstenorten, machen Halt in Kritinia und Embonas und erreichen Siana kurz vor oder nach dem Mittagessen. Zwischen etwa elf und fünfzehn Uhr stehen dann mehrere Busse gleichzeitig am Ortseingang.
Vor neun und nach sechzehn Uhr ist davon nichts mehr zu spüren. Dann lohnt es sich, die Hauptstraße zu verlassen: Hinter der Kirche steigen schmale Gassen den Hang hinauf, zwischen Steinhäusern mit den flachen Patelia-Dächern, wie sie auch Monolithos prägen. Von oben geht der Blick über die Wälder des Akramytis bis zur Küste, an klaren Tagen bis Chalki. Für Fotos ist das späte Nachmittagslicht die mit Abstand beste Zeit.
Einmal im Jahr, im August, kippt die Rechnung: Dann feiert das Dorf sein Honig- und Souma-Fest mit Süßspeisen, Musik und reichlich offenem Brand — der eine Tag, an dem Siana abends voller ist als mittags.
Anfahrt, Straßen und Busse
Mit dem Mietwagen führt der landschaftlich schönste Weg über die Westküstenstraße und dann ins Bergland: Skala Kameirou, hinauf zur Burg von Kritinia, weiter nach Embonas und über Agios Isidoros hinunter nach Siana. Rechnen Sie ab Rhodos-Stadt mit rund 70 Kilometern und knapp anderthalb Stunden reiner Fahrzeit — die Angaben schwanken je nach Route zwischen etwa 68 und 80 Kilometern, weil sich Bergstrecke und Küstenstraße unterschiedlich kombinieren lassen. Die Straßen sind durchgehend asphaltiert und gut ausgebaut, aber kurvenreich; wer nach der Landkarte plant, unterschätzt die Fahrzeit regelmäßig.
Kurz vor Siana zweigt eine schmale Waldstraße über die Westflanke des Akramytis ab, die erst wieder bei Monolithos herauskommt — fast durchgehend im Wald und eine der schönsten Strecken der Insel. Auf der Straße Richtung Embonas steht außerdem ein als Naturdenkmal geschützter Zypressenwald, an dem sich ein kurzer Halt lohnt.
Mit dem Bus ist Siana erreichbar, aber nichts für spontane Pläne. Die KTEL-Westlinie fährt ab Rhodos-Stadt über Kritinia, Embonas und Agios Isidoros bis Siana und weiter nach Monolithos — nach den veröffentlichten Fahrplänen jedoch nur an einzelnen Werktagen und ohne Wochenendverkehr. Wer ohne Auto unterwegs ist, prüft die aktuellen Kurse auf ktelrodou.gr und plant den Rückweg zuerst.
Gut kombinieren
Siana ist kein Tagesziel, sondern ein guter Baustein. Die naheliegendste Runde führt von der Westküste über Kamiros und die Burg Kritinia nach Embonas zum Mittagessen, dann über Siana nach Monolithos — mit Badestopp am kleinen Kiesstrand Fourni, Aufstieg zur frei zugänglichen Burg Monolithos und Sonnenuntergang zum Schluss. Als fertiger Tagesbaustein steht die Runde in der 7-Tage-Route.
Wer weiter in den Südwesten will, erreicht über Apolakkia und Kattavia die Südspitze bei Prasonisi. Zwischen Monolithos, Siana und Apolakkia liegt ein Dreieck, in dem sich der ganze stille Südwesten erschließt — ohne Hotelburgen, aber auch ohne verlässliche Infrastruktur nach Ladenschluss.
Für wen sich der Stopp lohnt
Rundfahrtgäste: ohnehin gesetzt — nutzen Sie die zwanzig Minuten für die Kirche statt für den dritten Honigstand. Selbstfahrer: klar ja, aber bewusst außerhalb der Mittagszeit. Kulinarisch Interessierte: der beste Ort der Insel, um Souma und Thymianhonig nebeneinander zu probieren und den Unterschied zu schmecken. Wanderer: der Akramytis lässt sich von hier angehen, ist aber deutlich weniger erschlossen als Profitis Ilias oder Attavyros — Hinweise unter Wandern auf Rhodos. Übernachtungsgäste: eher nicht; das Angebot ist minimal, wer in der Gegend bleiben will, ist in Monolithos besser aufgehoben.




