Vom Tal der Schmetterlinge sind es zehn Minuten bis Psinthos, und der Wechsel könnte kaum größer sein. Statt Kassenhäuschen und Souvenirständen wartet hier ein Dorfplatz, der für die Größe des Ortes erstaunlich weitläufig wirkt, beschattet von Platanen und umstellt von Tavernen, in denen zur Mittagszeit vor allem Griechen sitzen. Als Ausflugsziel im engeren Sinn taugt Psinthos kaum. Hier isst das nördliche Hinterland zu Mittag.
Das Dorf liegt auf 280 Metern im Hügelland südwestlich von Rhodos-Stadt, rund 23 Straßenkilometer von der Hauptstadt und rund 17 vom Flughafen entfernt; beim Zensus 2021 zählte es 729 Einwohner. Ringsum steigen bewaldete Rücken an, dazwischen liegen Olivenhaine, Obstgärten und ein paar Rebflächen. Petaloudes ist der bekanntere Nachbar, Psinthos der lebendigere Ort.
Ein Platz, größer als das Dorf
In ihrer heutigen Anlage geht die Platia auf die italienische Zeit zurück. Wie genau sie damals entstand, ist in den zugänglichen Quellen nur lückenhaft belegt. Unübersehbar sind die Proportionen: Der Platz ist deutlich größer, als ein Dorf mit gut siebenhundert Einwohnern ihn brauchen würde, und das gibt ihm seine Gelassenheit.
Heute bildet er den Mittelpunkt des Ortes: an einer Seite die Kirche der Panagia, ringsum Tavernen und ein paar Läden, in der Mitte die alten Platanen, unter denen im Sommer die Tische stehen. Hinter dem Kirchhof sind Reste einer mittelalterlichen Befestigung erhalten, die vermutlich dem Schutz des Agrarlands diente. Spektakulär sind die Mauerreste nicht, doch sie zeigen, dass der Ort lange vor den Italienern eine Rolle spielte.
Fasouli, Kamari und der Gizani
Psinthos ist ein Wasserdorf. Die Fasouli-Quelle am Ortsrand ist die bekannteste: fließendes Quellwasser, uralte Platanen, ein schattiges Tälchen, in dem sonntags halbe Familien sitzen. Etwas weiter liegt die Kamari-Quelle. Beides ist kein inszenierter Ausflugspunkt, sondern ein Naherholungsort für die Umgebung, entsprechend voll am Wochenende und entsprechend leer am Dienstagvormittag.
Im Quellbach lebt der Gizani (Ladigesocypris ghigii), ein kleiner Karpfenfisch, der ausschließlich auf Rhodos vorkommt. Er ist der einzige heimische Süßwasserfisch der Insel und streng geschützt. Er wird selten länger als acht Zentimeter und ist im flachen, klaren Wasser gut zu beobachten, wenn man sich zwei Minuten ruhig verhält. Das größte und bekannteste Gizani-Gewässer der Insel ist allerdings das runde Becken bei Eleousa; die Bestände hier bei Psinthos sind kleiner. Für beide gilt dasselbe: schauen ja, hineinsteigen nein.
Mai 1912: das Gefecht von Psinthos
Im Italienisch-Türkischen Krieg landeten italienische Truppen am 4. Mai 1912 in der Bucht von Kallithea. Die osmanische Garnison gab die Stadt auf und zog sich ins schwer einsehbare Bergland um Psinthos zurück, hinter Maritsa. Dort griffen die Italiener unter Generalleutnant Giovanni Ameglio Mitte Mai an: Sie schlossen die Stellung von drei Seiten ein, von der vierten beschoss ein Kriegsschiff die Truppen. Das Gefecht selbst war kurz und dauerte nach englischsprachigen Darstellungen nur einige Stunden. Am 16. Mai, knapp zwei Wochen nach der Landung, kapitulierte die Garnison; griechische Darstellungen datieren die Übergabe auf den 17. Mai.
Damit endeten fast 390 Jahre osmanischer Herrschaft über Rhodos, und die italienische begann, die bis 1943 dauern sollte. Am Ortsrand erinnert eine Marmortafel an die Gefallenen. Wie viele es waren, ist umstritten: Die Angaben für die osmanische Seite reichen von gut 80 bis rund 300 Toten, die Italiener verloren nur eine Handvoll Männer. Dem Dorf sieht man nicht an, dass ein Herrschaftswechsel ausgerechnet hier entschieden wurde, zwischen Olivenhainen und Quellbächen. Die Hintergründe stehen in den Beiträgen zur osmanischen und zur italienischen Zeit.
Essen: Grillküche für Einheimische
Die Tavernen rund um den Platz sind auf Fleisch vom Grill spezialisiert: Souvlaki, Lammkoteletts, Kotelett vom Schwein, dazu Ofenkartoffeln, Bergkräutersalat, Tzatziki und offener Wein aus der Kanne. Gehobene Küche will das nicht sein, eher die Sonntagsküche der Insel: große Portionen zu Preisen, die deutlich unter denen der Küstenorte liegen.
Gegenüber den Lokalen direkt am Schmetterlingstal hat Psinthos einen handfesten Vorteil. Dort ist man auf Durchreisende eingestellt, hier auf Stammgäste, und nach dem Talbesuch sind es nur zehn Minuten Fahrt. Was auf einer griechischen Speisekarte wie zu bestellen ist, erklärt der Beitrag Essen und Trinken; das Preisniveau ordnet Rhodos mit kleinem Budget ein.
Honig, Bienen und ein bisschen Wein
Das Hügelland um Psinthos ist Bienenland. Thymian, Salbei, Erdbeerbaum und Kiefer wachsen an den Hängen dicht beieinander, und am Straßenrand stehen entsprechend viele Stöcke: bunt lackierte Kästen, oft in Zehnerreihen unter den Bäumen. Wie die Imker arbeiten und warum Thymianhonig aus den Bergen anders schmeckt als der mildere aus der Ebene, zeigt das Bienenmuseum eines Imkereibetriebs bei Pastida, an der Straße Richtung Flughafen. Ein großer Museumsbetrieb ist es nicht, aber eine lohnende halbe Stunde, gerade mit Kindern, und ein bequemer Halt am An- oder Abreisetag.
Weinbau spielt in dieser Gegend nur eine Nebenrolle; die großen Weinorte liegen weiter westlich um Embonas am Fuß des Attavyros. Ein Gut bei Psinthos verbindet allerdings Verkostungen mit Ritten durch die Rebflächen, eine Kombination, die es sonst auf der Insel nicht gibt. Öffnungszeiten und Konditionen wechseln saisonal und sind vorab zu klären.
Honig, Kräuter und Olivenöl aus der Umgebung bekommt man in den Dorfläden meist günstiger als in den Souvenirgeschäften der Küstenorte. Was davon in den Koffer darf und was besser nicht, steht in der Packliste.
Anfahrt, Parken und Busse
Mit dem Mietwagen ist Psinthos unkompliziert: von Rhodos-Stadt rund 23 Kilometer über die Straße Richtung Kalithies und Archipoli oder von der Westküste über Paradisi und Maritsa, vom Flughafen rund 17 Straßenkilometer und gut 20 Minuten (Luftlinie nur gut zehn). Die Straßen sind asphaltiert und breit genug, die letzten Kilometer kurvig, aber harmlos. Geparkt wird kostenlos am Platz oder in den Seitenstraßen; eng wird es nur sonntagmittags.
Ohne Auto ist es mühsamer. Psinthos hängt an einer KTEL-Binnenlinie ab Rhodos-Stadt (einfache Fahrt 2,80 €, Sommerfahrplan 2026), die deutlich seltener fährt als die Busse der Küstenachsen. Im Sommerfahrplan 2026 gab es ab Rhodos-Stadt nur eine Abfahrt um 14:20 Uhr, zurück ging es um 7:15 Uhr (nicht samstags und sonntags) und um 15:00 Uhr; für einen Mittagsbesuch ohne Übernachtung passt das nicht. Nach der Hochsaison werden die Takte dünner; im Winterfahrplan (zuletzt ab Anfang November bis Mitte April) fahren nochmals deutlich weniger Busse. Aktuelle Fahrpläne hängen am Busbahnhof aus und stehen auf der KTEL-Website. Die RODA-Stadtlinie 20 bringt Besucher zwar bis zum Tal der Schmetterlinge, aber nicht weiter nach Psinthos. Wie das Busnetz funktioniert und wo seine Grenzen liegen, erklärt Busse auf Rhodos.
Wandern und gut kombinieren
Von Psinthos führen markierte Wege durch Erdbeerbäume und Kiefern zum Kloster Kalopetra oberhalb des Schmetterlingstals, eine gemütliche Halbtagestour ohne technische Schwierigkeiten; Hinweise dazu unter Wandern auf Rhodos. Am naheliegendsten bleibt aber die Folge Tal der Schmetterlinge am Vormittag, Psinthos zum Mittagessen. Die Falter hängen normalerweise von Mitte Juni bis Mitte September im Tal (2026 zogen sie wegen Hitze und Trockenheit Wochen früher ab); ab 1. November ist das Gelände bis zum Frühjahr geschlossen.
Für die Weiterfahrt bieten sich zwei Richtungen an: nach Westen über Petaloudes und Salakos zum Profitis Ilias, oder nach Südwesten in die stillen Bergdörfer um Eleousa mit der italienischen Mustersiedlung und der Kapelle Agios Nikolaos Fountoukli. Beides zusammen ergibt einen vollen, sehr abwechslungsreichen Tag im Inselinneren; als fertigen Baustein enthält ihn die 7-Tage-Route.
Für wen Psinthos passt
Zum Essen: die beste Adresse der Gegend, vor allem mittags. Familien: Platz, Schatten, Quellwasser und kurze Wege; mit Kindern funktioniert das deutlich besser als das Schmetterlingstal mit seinen Treppen (siehe Rhodos mit Kindern). Geschichtsinteressierte: ein Ort mit erstaunlichem Gewicht, auch wenn es vor Ort wenig zu sehen gibt. Zum Abhaken von Sehenswürdigkeiten: eher nicht, denn Psinthos ist ein Ort zum Bleiben, nicht zum Anschauen. Übernachtungsgäste: ein paar Zimmer und Ferienwohnungen, mehr nicht; als Standort nur sinnvoll, wenn man das Inselinnere bewusst zum Schwerpunkt macht (vgl. Wo übernachten auf Rhodos).








